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Urheberrecht

© KYNOS VERLAG Dr. Dieter Fleig GmbH

Konrad-Zuse-Straße 3

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eBook-Ausgabe der Printversion

eBook-ISBN: 978-3-95464-041-6

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-95464-029-4

11. Auflage 2014

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Inhaltsverzeichnis

Urheberrecht

Vorwort zur 11. Auflage 2014 Gisela Rau

Zum Geleit D Fleig

I. Problemhunde

1. Was ist ein schwieriger Hund?

2. Werden Hunde als Problemhunde geboren?

3. Die Schuld der Züchter an Problemhunden

II. Aggressionen

4. Was ist ein bissiger Hund?

5. Natürliches Aggressionsverhalten

6. Angriff oder Ausweichen gegenüber Einzelpersonen

7. Weshalb ist der Hund an der Leine aggressiv?

8. Raufer

9. Hunde als Gefahr für Kinder

10. Unverträglichkeit von Hündinnen

11. Unverträglichkeit von Rüden

12. Aggression gegen Uniformträger

13. Aggression gegen Betrunkene oder Vagabunden

III. Angst

14. Wie wird ein Hund zum Angstbeißer?

15. Kann man Angstbeißer umerziehen?

16. Was ist Wesensschwäche?

17. Gewitterfurcht

18. Schussscheu

IV. Das Familienleben unserer Hunde

19. Läufige Hündin

20. Ungewollte Bedeckung

21. Scheinträchtigkeit

22. Welpentötung durch Hündin

23. Rüden und Welpen

V. Welpen

24. Gibt es bissige Welpen?

25. Versäumte Prägephase

VI. Der Hund in und am Haus

26. Kläffen am Gartenzaun

27. Zwingerhaltungsschäden

28. Bewegungsstereotypen

29. Zerstören der Wohnungseinrichtung

30. Stubenreinheit

31. Briefträger

VII. Der Hund unterwegs

32. Das Verhältnis Hund zu Hund

33. Weglaufen beim Spaziergang

34. Streunen

35. Kotfressen und -wälzen

36. Wasserscheu

37. Verfolgen von Radfahrern und Läufern

38. Angst vor dem Einsteigen ins Auto

39. Schwierigkeiten bei der Autofahrt

40. Angst vor dem Auto

VIII. Hundeernährung

41. Fressunlust

42. Fressgier

43. Fütterung

IX. Spezielle Erziehungsfragen

44. Charakterveränderungen durch Reifeproze

45. Übergroße Freundlichkeit zu Fremden

46. Aufreiten, Scheindecken

47. Markieren

48. Leinenangst

49. Zerren an der Leine

50. Platzfestigkeit

51. Der »kluge« Ungehorsam

52. Die Rangordnung innerhalb der Familie

X. Der schwierige Mensch

Aktuelle Literaturempfehlungen 2014

Vorwort

zur 11. Auflage 2014

Der schwierige Hund von Eberhard Trumler erschien erstmals 1986 im Kynos Verlag. Damals gab es kaum deutschsprachige Fachliteratur über Hunde und schon gar nicht über deren Verhalten oder Problemverhalten. Die vorherrschende Erziehungsmethode war die von Konrad Most geprägte »Abrichtung« nach militärischem Vorbild, und wer Hilfe bei einem Trainer suchte, fand in aller Regel nur Schäferhundevereine vor, die auf Hundeplätzen an Unterordnung und Schutzdienst arbeiteten. Erst gegen Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre begannen langsam anders, »ziviler« und positiver geprägte Hundetrainingsmethoden aus dem englischsprachigen Raum zu uns einzusickern.

Trumler war seiner Zeit weit voraus: Obwohl als Wissenschaftler noch von der »alten Schule« der Ethologie geprägt, die noch alles rein mit Reiz und Reaktion sowie Instinkten erklärte und Tieren ein Gefühls- und Seelenleben zumindest im wissenschaftlichen Sinne weitgehend absprach, war er einer der ersten, der das Handeln des Menschen in den Vordergrund rückten.

Nicht der Hund ist schuld, sondern fast immer der Mensch - das war 1986 eine ungewohnte Denkweise.

Trumler schaffte es auch erstmals, Nicht-Wissenschaftlern, den ganz normalen Hundehaltern, das Verhalten des Hundes auf verständliche, interessante und sogar noch unterhaltsame Weise darzubieten. Davon, wie groß der Wissensdurst der Hundefreunde nach Informationen damals war, zeugen insgesamt über 50.000 verkaufte Exemplare von Der schwierige Hund über die Jahre hinweg.

Natürlich ist die Wissenschaft seit 1986 nicht stehen geblieben und besondes in den beiden letzten Jahrzehnten hat die Ethologie sich eingehender mit dem Verhalten des Haushundes befasst als je zuvor und dabei so manch alten Glaubenssatz über Bord geworfen. Insbesondere Trumlers Erkenntnisse über die Entstehungsursache von Verhaltensproblemen sind aber weiterhin erstaunlich aktuell. Sein Buch ist deshalb nach wie vor ein echter Klassiker, ein Grundlagenwerk, das es zu bewahren lohnt. Wir haben uns deshalb entschieden, es auch im Jahre 2014 noch einmal unverändert nachzudrucken, auch wenn es zu Themen wie etwa der Leinenführigkeit heute andere, bessere und als wirksam erwiesene Trainingsmethoden gibt. Auch steht uns heute mit der richtig angewandten Gegenkonditionierung ein machtvolles Werkzeug zur Verfügung, um selbst Probleme wie Bewegungsstereotypien, die Trumler noch als unheilbar beschrieb, bearbeiten zu können

Der schwierige Hund ist im Jahre 2014 für interessierte Hundefreunde als Meilenstein in der Literatur zum Hundeverhalten zu lesen und verstehen und in die Zeit seiner Entstehung einzuordnen. Bei Verhaltensproblemen sollte unbedingt zusätzlich aktuelle Literatur zu Rate gezogen werden (siehe Literaturempfehlungen im Anhang).

Als Verlag, der mit Eberhard Trumlers Büchern wie Das Jahr des Hundes, Mensch und Hund oder eben Der schwierige Hund groß geworden ist und zum Autor über viele Jahre hinweg ein enges Verhältnis pflegte, war es uns jedoch ein Bedürfnis, dieses Buch auch weiter verfügbar zu halten.

Nerdlen, im Mai 2014

Gisela Rau

Geschäftsführerin Kynos Verlag

Zum Geleit

In Presse und Fernsehen gebärdet er sich immer wieder wie wild - der schwierige Hund. In Diskussionen auf dem Bildschirm wie auch im täglichen Leben bekämpfen sich Hundegegner und Hundefreunde in kaum zu überbietender Intoleranz. Bestimmte Massenblätter malen genüsslich und hämisch Unfälle zwischen Menschen und schwierigen Hunden aus, um Emotionen zu schüren, ihre Auflagen zu vergrößern. Zu Recht werden gestörte Menschen an den Pranger gestellt, wenn sie sich schwieriger Hunde vorsätzlich bedienen, um Mitmenschen und Nachbarn einzuschüchtern und zu bedrohen. So oder so: Die Furcht vor schwierigen Hunden geht um.

In Großstädten wird sachgerechte Hundehaltung immer schwieriger, weil Mensch und Tier um die wenigen verbleibenden freien Flächen konkurrieren müssen. Einige Stadtverwaltungen konzentrieren sich offensichtlich auf Anales und rechnen Hundekot in Parkanlagen, auf Bürgersteigen und Kinderspielplätzen den Einwohnern nur noch in Tonnen vor. Abschreckend hohe Hundesteuern sollen die Hunde aus den Städten und damit aus dem Leben vieler Menschen verdrängen. Leinenzwang, ständig zunehmender Straßenverkehr und die intolerante Haltung der Hundegegner tragen ebenso dazu bei, den Hundefreunden und vielen vereinsamten Menschen ihren oft noch einzigen wahren Freund zu vergraulen. Überfüllte Tierheime sind ein erschreckender Beweis dafür. Täglich werden mehr Tiere Opfer dieser Entwicklung.

So wird aus dem Hund, dem ältesten und ergebensten Gefährten des Menschen, dem zuverlässigen, dem aufopfernden Beschützer, dem Freund, Jagdgefährten und treuen Hüter von Haus und Hof für viele plötzlich eine Gefahr, ein lästiges Übel, ja sogar ein Objekt des persönlichen Hasses. Wie konnte es dazu kommen? Sind die Hunde heute anders, die Hundehalter unfähiger, unterliegen wir gar einem automatischen Prozess, der nicht mehr aufzuhalten ist?

Etwas gibt zu denken. Noch immer können sich Millionen Menschen ein Leben ohne Hund nicht vorstellen. Sie widerstehen allen Anfeindungen ihrer Umwelt, nehmen Beschimpfungen auf sich und halten ihrem Vier- beiner die Treue, ganz wie umgekehrt. Echte Hundefreunde verteidigen nachdrücklich die Lebensrechte ihrer Vierbeiner. Was würde aus dem Leben in der Großstadt, wenn unsere Hunde daraus verschwinden müssten?

In den Diskussionen für und wider den Hund offenbart sich bei seinen Gegnern eine oft tiefverwurzelte Angst vor scharfen Zähnen und unerwarteten Reaktionen des Hundes. Hinzu kommen Unverständnis und Unwissen über das natürliche Verhalten unserer Tiere. Das sind sicherlich nicht nur die Folgen von Sensationsberichten, sondern eine solche Haltung ist das Ergebnis der Urbanisierung, eines immer mehr verstädterten Lebens, ohne natürlichen täglichen Umgang mit Haustieren.

Was aber noch nachdenklicher stimmt: Selbst bei erklärten Hundefreunden ist das Unwissen über die Grundfunktionen der Lebensgemeinschaft zwischen Mensch und Hund erschreckend hoch. Einblick in die Seele und Einsicht in das Verhalten des Hundes sind aber durch nichts zu ersetzen! Auch nicht durch sehr viel Liebe zum Tier! Im Gegenteil, ohne Verstehen und Verständnis kann Tierliebe sogar ein Zusammenleben erschweren! Ein kleines Büchlein mit dem Titel »Das schwierige Pferd« hat während der Equitana, der größten Pferdemesse der Welt, im Jahre 1985 in Essen viel Aufsehen erregt. Der Titel schließt das Bekenntnis ein, dass ein Pferd schwierig ist, und geradezu unterschwellig hat diese Aussage kaum einen Pferdefreund unberührt gelassen. Das Buch ist auf dieser Pferdemesse auf unserem Bücherstand zum Bestseller geworden. Sollte das der Beweis sein, dass es sehr viele Reiter gibt, die meinen, ein schwieriges Pferd zu haben?

Es war verführerisch, diesen Gedanken umzumünzen in »Der schwierige Hund«. Der Verlag hat dieser Verlockung nicht widerstanden. Warum auch? Ist nicht vielleicht die Wurzel aller Schwierigkeiten mit dem Hund darin zu suchen, dass ihn sowohl Hundegegner als auch Hundefreunde als schwierig ansehen? Wenn dies richtig ist, dürften viele Schwierigkeiten zu lösen sein, indem man die Gründe offenlegt. Einsicht löst Probleme - und nicht nur Probleme mit Hunden oder Pferden!

Beim Verkauf des »Schwierigen Pferdes« empfahl der Verlag den Kunden eine Neuerscheinung. Man stehe zurzeit mit einem Pferd in Verbindung, das sitze zu Hause am Schreibtisch und schreibe »Der schwierige Mensch«!

Hier liegt der Hund begraben! Fehlendes Verständnis für das naturgegebene Verhalten der Tiere geht vom Menschen aus. Er allein kann die Dinge durchschauen, gleich ob er Tierfreund ist oder nicht. Aber nur ein Autor mit Hundeverstand und Menschengefühl - oder mit Hundegefühl und Menschenverstand - konnte das vorliegende Buch schreiben: EBERHARD TRUMLER! Über ihn meint Konrad Lorenz, der Nestor der Verhaltensforschung: »Trumler kennt Hunde sehr viel besser als ich!« Aus hunderten von Telefongesprächen, aus ungezählten persönlichen Erlebnissen mit Hunden hat Eberhard Trumler die Problemfälle ausgewählt und beschrieben, die zu Verständigungsschwierigkeiten zwischen Hund und Mensch führen können, und er zeigt, wie solche Probleme vermieden oder gelöst werden können.

Trumler beantwortet die Frage, ob es überhaupt einen schwierigen Hund gibt. Seine Antwort ist kompetent, sie wird Mensch und Hund helfen, Schwierigkeiten zu überwinden. Hoffentlich hilft sie auch, unseren Hunden den Lebensraum zu schaffen, den sie dringend benötigen.

Dieses Buch wird trotz seines »schwierigen Titels« allen Hundefreunden bald ein unverzichtbarer Leitfaden im Umgang mit dem Hund - und manchen Mitmenschen - sein. Es wird vielen die Augen öffnen, dass Schwierigkeiten mit dem Hund nicht dem Tier angelastet werden dürfen, in fast allen Fällen »gemeinsam« gelöst werden können.

Eine empfehlenswerte Lektüre auch für Hundefeinde und Sensationsjournalisten! Sie würden zu der Erkenntnis gelangen, dass es selten schwierige Hunde, umso öfter aber schwierige Menschen gibt.

Dieter Fleig, 1986

I. Problemhunde

1. Was ist ein schwieriger Hund?

Immer wieder klagen Hundebesitzer, dass sie mit ihrem Hund nicht zurechtkommen. Fragt man sie nach dem Alter des Hundes, heißt es zumeist, er sei 18 Monate alt. Über Hunde vor dem sechsten Monat beklagen sich gewöhnlich nur solche, die es nicht begreifen können, dass ihr Welpe nicht stubenrein wird, oder dass er mit heranwachsendem Gebiss die Wohnungseinrichtung mehr und mehr zerstört. Über einen Hund von mehr als zwei oder drei Jahren beklagen sich Hundebesitzer viel seltener, es sei denn, sie haben ihn erst vor kürzester Zeit aus dem Tierheim geholt oder als »Gelegenheitskauf« erworben.

Das sind vier unterschiedliche Gruppierungen, die mehrfach in den weiteren Fragestellungen vorkommen werden. Gemeinsam ist ihnen aber, dass ihre Besitzer aus was für Gründen auch immer mit ihrem Hund - oder mit ihren Hunden! - nicht zurande kommen. In der Hauptsache sind die Hundehalter selbst betroffen, vielfach auch deren Familie. Das mag schlimm genug sein; es wird aber noch viel unangenehmer, wenn auch die Nachbarschaft durch solch einen Hund belästigt wird. Es kann sehr schwerwiegende Folgen haben, wenn völlig fremde Personen zu Schaden kommen.

Schwierige Hunde nennt man auch »Problemhunde«, was ausreichend zum Ausdruck bringt, dass irgendwer mit ihnen Probleme hat. Entweder der Besitzer - oder dessen Familie - oder Fremde. Dazu muss ergänzend gesagt werden, dass es nicht unbedingt eine Person aus diesen genannten Kreisen sein muss, die unmittelbar betroffen ist, sondern dass auch Tiere, die entweder dem Hundehalter selbst oder dessen Familie oder anderen Personen gehören, unter Problemhunden leiden. In letzterem Fall handelt es sich meist um kleinere Haustiere, auch um Jagdwild, aber wohl vorwiegend um andere Hunde.

Der Grad der jeweiligen Schwierigkeit kann sehr unterschiedlich sein. Subjektive Einschätzungen enthalten hierbei viele Fehlerquellen. So halten manche ihren zehn Wochen alten Welpen für eine schwere Umweltbedrohung, weil er eine Stunde »nur« alleingelassen, eine Zeitschrift zerfetzt hat. Andere halten ihn für ausgesprochen renitent, weil er das Kommando »Sitz« nicht beachtet. Wieder andere halten ihren fünfmonatigen Junghund für einen Vollidioten, weil er nicht annähernd die Intelligenz einer »Lassie« oder eines »Boomers« erkennen lässt.

Es gibt auch eine umgekehrte Subjektivität. Das sind Leute, die ihren Hund keineswegs für schwierig halten, wenn er durch nächtliches Gekläff die Nachbarn aus dem Schlaf reißt, des Nachbarn Kinder beißt, den Briefträger ins Krankenhaus schickt oder Katzen und kleine Hunde tötet.

Spätestens hier erhebt sich die Frage, ob schwierige, problematische Hunde nicht irgendetwas mit Fakten zu tun haben, die ihnen gar nicht angelastet werden können. Mit anderen Worten, dass die Ursachen für ihre Schwierigkeiten, derentwegen dieses Buch zu schreiben mir ein Anliegen ist, bei irgendwelchen Menschen zu suchen sind. Sei es beim Züchter, beim Käufer - oder bei anderen Menschen; vielleicht sogar bei anderen Hunden was auch möglich wäre.

Zusammenfassung:

Ein schwieriger Hund oder Problemhund ist ein Hund, der dem Besitzer oder anderen Personen oder aber anderen Tieren geringere oder größere Schwierigkeiten oder Probleme bereitet. Die Ursachen hierfür bedürfen einer sorgfältigen, individuellen Klärung.

2. Werden Hunde als Problemhunde geboren?

Es ist eine der hervorstechendsten Eigenschaften des Menschen, alles, was ihm daneben geht, aus der Selbstverantwortung zu entlassen und die Schuld anderswo, notfalls beim Lieben Gott zu suchen. Also wird jeder Neuling auf dem Gebiet der Hundehaltung zunächst den Hund für schlecht halten, wenn er nicht das tut, was er gern will. Handelt es sich dabei um einen sogenannten »Gebrauchshund«, dann wird er mit ziemlicher Sicherheit in dieser Ansicht mit dem wohlmeinenden Rat bestärkt werden, der geradezu stereotyp lautet: »Verkaufe den Köter - der taugt nichts!«

Der Schluss, dass es sich um eine angeborene Minderwertigkeit handelt, wenn ein Hund Schwierigkeiten bereitet, ist doch wirklich naheliegend, wenn man bedenkt, dass selbst Eltern in dieser Weise auf ihre eigenen Kinder schließen, wenn diese zuweilen nicht so werden, wie sie es auf Grund ihrer eigenen makellosen Charaktere erwarten.

Die Entdeckung des fleißigen Paters Mendel, dass sich Eigenschaften vererben, dazu die Erkenntnis, dass es spontane Erbänderungen (Mutationen) gibt, erleichtern naturgemäß ungemein die Annahme, dass es wohl am Erbgut liegen muss, wenn Kind oder Hund »aus der Art geschlagen« sind. Man übersieht dabei die Tatsache, dass Mutationen, auch wenn sie bei Haustieren ein wenig häufiger sind, grundsätzlich überaus selten auftreten. Außerdem vergisst man, dass es für die meisten Schwierigkeiten, denen wir bei Hunden begegnen, gar keine Erbfaktoren gibt, die man hierfür verantwortlich machen könnte.

Damit ist eingestanden, dass es doch solche geben kann. Hier soll nur kurz erwähnt werden, dass z. B. manche Hunde angeboren »im Kopf nicht ganz richtig« sind. Neben verminderter Intelligenz bis zur Stupidität gibt es da so mancherlei. Angeboren kann eine sehr schlimme Erscheinung sein, die der Epilepsie bei Menschen gleicht; beim Hund spricht man von »epilep-tiformen Anfällen«.

Nervenschwächen allgemeinerer Natur können erblich bedingt sein und äußern sich in Schreckhaftigkeit und mit ihr verbundener Bissigkeit (»Angstbeißer«). Es können aber auch erblich bedingte, schmerzhafte Leiden sein, die den Hund so belasten, dass er in seiner freien Lebensgestaltung behindert ist - was uns dann wieder Schwierigkeiten bereitet. Womit nicht die notwendige Behandlung durch den Tierarzt gemeint ist, die wir ja gerne veranlassen, sondern einfach das durch dieses Leiden gestörte Wesen des Hundes. Es liegt auf der Hand, dass wir von einem kranken Hund nicht die Leistung erwarten können, die ein gesunder Hund vollbringt.

Es sei hier zunächst klargestellt, dass es bei unseren Hunden bedeutend mehr deren Lebensentfaltung belastende Erbkrankheiten gibt als man so allgemein denkt. Wer es nicht glaubt, der sei auf Wilhelm Wegner (»Kleine Kynologie«, 2. Auflage, Konstanz 1979) verwiesen. Dort findet er eine überraschende Fülle solcher Erbkrankheiten aufgezählt, die dieser Forscher unter Berücksichtigung der gesamten Weltliteratur zusammengetragen hat.

Sehen wir aber einmal von solchen organischen Leiden ab, dann muss klargestellt werden: Wenn ein sonst gesunder Hund für uns zu einem Problemhund wird, hat das in den seltensten Fällen etwas mit seinen Erbanlagen zu tun. Meine schon früher geäußerte Annahme, dass Wesensschwächen bei maximal 25 Prozent aller Fälle angeboren sind, kann als Richtmaß dienen, wobei auf das Attribut »maximal« zu achten ist.

Ausdrücklich möchte ich aber klarstellen, dass selbst unter vorgegebenen Erbmängeln der Hund nicht unbedingt zum Problemhund werden muss, wenn Züchter und Halter durch einfühlsames Verständnis auf einen derart benachteiligten Hund einwirken. Es ist anzunehmen, dass dieser nie ganz unproblematisch sein wird - aber doch in einem Maße, das mit etwas gutem Willen für Hund und Mensch erträglich bleibt.

Zusammenfassung:

Angeborene psychische Schäden unterschiedlicher Art gibt es bei unseren Hunden in einem recht geringen Umfang. Schwierigkeiten können durch organische Leiden auftreten.

Vom Verständnis des Menschen hängt es ab, ob und wieweit derartige Ursachen zu untragbaren Störfaktoren werden.

3. Die Schuld der Züchter an Problemhunden

Die Frage, ob es angeboren schwierige Hunde gibt, führt zwangsläufig zu der Verantwortung des Züchters, da die Frage selbst - wenn auch unter weitgehenden Einschränkungen - bejaht werden muss.

Es bedarf keiner Diskussion, wenn hier behauptet wird, dass an erblichen Defekten aller Art stets der die Schuld trägt, in dessen Zwinger ein solcher Hund geboren wurde, und der diesen Mangel nicht erkannt oder verschwiegen hat, als er den Welpen verkaufte. Dies sieht auch das Gesetz so. Erkennt der Käufer den Mangel in angemessener Frist, hat der Verkäufer Ersatz zu leisten.

Genau das wird er aber nicht tun, wenn er uns beweisen kann, dass wir selbst Schuld daran haben, dass der Hund erst in unserer Hand schwierig geworden ist: Ein erfahrener Züchter merkt das nämlich und wird es uns nachweisen! Es ist nicht so leicht, die eigene Schuld auf andere abzuwälzen - man sollte den Sachverstand im Hundewesen nicht unterschätzen.

Allerdings gibt es auch einen Sachverstand ganz anderer Art. Er äußert sich in zweierlei Formen:

Eine äußert sich mit: »Geld stinkt nicht!«. Diese Form beschränkt sich auf das rein Geschäftliche. Hierzu gehören neben Werbepraktiken, Management und Verkaufsstrategien auch Erfahrungen darin, wie man erbgeschädigte Hunde so »auffrisiert«, dass unerfahrene Käufer darauf hereinfallen. Viel mehr verstehen diese Leute von Hunden nicht, weswegen sie hier nicht als Hundezüchter deklariert seien, sondern als pure Hundevermehrer. Jeder, der bei ihnen einen Hund kauft, handelt masochistisch, weil er die Gewissheit hat, für sein Geld sich selbst seelische und körperliche Leiden eingehandelt zu haben. Wer dies nicht glauben will, lese das Buch von Heiko Gebhardt »Du armer Hund«.

Die zweite Art von Sachverstand ist besonders makaber. Es gibt nämlich Züchter, die mit viel Kunst und Geschick - daher leider wirklich »Züchter«! - Hunde erzeugen, die dem Geschmack von Zuhältern und anderen verhaltensgestörten Menschen entgegenkommen, zu wahren Bestien werden. Das sind Hunde, die von Natur aus bereit sind, jedermann, wo und wann immer nur möglich, hemmungslos zu beißen. Die Nachfrage nach solchen Hunden ist größer als man glaubt, es hat sogar den Anschein, als ob hier steil wachsendes Interesse bestünde.

Hierfür mag es zwei Erklärungen geben. Zunächst gibt es die Perversion, unter Abschluss hoher Wetten Hunde miteinander kämpfen zu lassen. Obgleich Hundekämpfe streng verboten sind, werden sie gerade in Zuhälter- kreisen unter mafiaartigen Verflechtungen und Abschirmmethoden praktiziert, Besitzer »kampfstarker« Hunde machen beachtliche Gewinne. Entsprechend der Nachfrage gibt es Züchter, die es verstehen, solche überaus aggressiven Hunde zu züchten. Ein gutes Geschäft, denn naturgemäß verliert immer ein Teil der Hunde durch solche Wettkämpfe das Leben, man braucht immer wieder neue!

Die andere Erklärung bezieht sich auf Menschen, die mittels eines »scharfen« Hundes das Waffengesetz umgehen wollen. Für Hunde, die man auf seine Mitmenschen nach Belieben hetzen kann, braucht man nämlich bisher noch keinen Waffenschein. Auch ohne besondere Vorkenntnisse auf dem Gebiet der Psychiatrie ist der abwegige Charakter solcher Menschen klar durchschaubar. Sie haben Problemhunde, eigens für sie gezüchtet, nur - sie merken es nicht, dass es sich um solche handelt. Für ihre subjektive Betrachtungsweise sind es hervorragende Hunde!

Dass diese Hunde anderen Menschen und Hunden Schwierigkeiten machen stört sie nicht, im Gegenteil - das hebt sogar den Wert des Hundes, und vor allem das eigene Selbstbewusstsein. Ganz nebenher: Züchter und Besitzer solcher Hunde versuchen sehr häufig, sich in Gebrauchshundevereinen eine besondere Geltung zu verschaffen, wodurch sie den Ruf oft sehr bedeutender Verbände auf das Schwerste anschlagen. Die Vereine sind gut beraten, sich von solchen Auswüchsen in aller Deutlichkeit zu distanzieren.

Zusammenfassung:

Ein verantwortungsbewusster Züchter züchtet keine Hunde, die angeboren problematisch sind. Sollte zufällig ein genetischer Defekt bei einem Hundewelpen auftreten, verkauft er ihn nicht. Hundevermehrer züchten sehr häufig Problemhunde und verkaufen sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Eine gewisse Sorte von »Pseudozüchtern« erzeugt »kampfstarke« und »scharfe« Hunde, deren Bösartigkeit gewisse Bevölkerungskreise befriedigt, diese Hunde sind für den weitaus größeren Teil der Menschheit aber mehr eine Plage!

II. Aggressionen

4. Was ist ein bissiger Hund?

Statistiken besagen, dass 10.000 Menschen alljährlich in der Bundesrepublik von Hunden gebissen werden, andere Quellen beziehen diese erschreckend hohe Zahl allein auf Kinder. Sicher wird nicht jeder Hundebiss bekannt werden, vor allem dann, wenn es sich um eine leichtere Verletzung handelt. Klargestellt werden muss aber auf jeden Fall, dass nicht jeder Hund, der einmal jemanden ernsthaft gebissen hat, auch ein wirklich bissiger Hund ist. Mancher Hundebiss wurde durch ein Missverständnis ausgelöst, andere, weil sich der Hund gegen eine Misshandlung zur Wehr setzte. Wenn man sieht, wie manche Menschen mit ihren Hunden umgehen, muss man eigentlich nur erstaunt sein, dass die Zahl der bekannt gewordenen Bissverletzungen durch Hunde nicht wenigstens zehnmal so hoch ist!

Wir können durchaus annehmen, dass nur eine verhältnismäßig geringe Zahl von Bissverletzungen von wirklich bissigen Hunden herrührt. Um das besser verstehen zu können, wollen wir uns zunächst mit dem Begriff »beißen« auseinandersetzen.

Sehr oft hört man den Satz: »Mein Hund hat mich gebissen!« Schaut man sich dann diesen Hundebiss genauer an, findet man bestenfalls die geröteten Abdrücke der Fangzähne in der Haut - aber keinen Tropfen Blut. Ein Hund hat nämlich eine sehr genaue Vorstellung von der Kraft seiner Kiefer. Als Welpe mit den nadelspitzen Milchzähnen ist er sich allerdings darüber noch nicht klar, dass die Haut des Menschen kein Hundefell ist, sondern vielfach empfindlicher.

Ist der Junghund im Umgang mit Menschen vertraut geworden, entwickelt er eine gewisse Beißhemmung, wie sie auch im innerartlichen Verkehr üblich ist - das heißt, er zwickt nur. Das kann zwar auch recht schmerzhaft sein, hat aber mit Bissigkeit nichts zu tun. Es ist meist eine reflexartige Abwehrreaktion, für die sich besonders brave Hunde, das Missverständnis erfassend, gewöhnlich umgehend »entschuldigen«, entweder durch Pfotengeben oder durch Handlecken, mitunter auch durch eine kindliche Laut-gebung, die wohl eine Beißhemmung wieder bei uns bewirken soll. Bei manchen Hunden kann als Wolfserbe ein vorwiegend an der Rückseite des Menschen appliziertes Zwicken unschwer als artgemäße Spielaufforderung gedeutet werden.

Wenn ein Hund ernsthaft zubeißt, gibt es blutende Wunden - selbst bei kleinen Hunden, wenn sie eine geeignete Stelle erwischen. Nur das sollten wir als »beißen« bezeichnen. Leider wird der Ausdruck »Beißen« im sogenannten Hundesport völlig irreführend angewandt, dann nämlich, wenn der zum Schutzdienst ausgebildete Hund den Hetzärmel des Figuranten (»Scheintäters«) fasst und solange nicht loslässt, bis er den Befehl »aus« vom Hundeführer erhält. Jedem mit diesem Thema nicht vertrauten Bürger läuft es naturgemäß eiskalt über den Rücken, wenn ihm so ein Sportskamerad erzählt, wie fabelhaft sein Hund beißt!

Es darf dann nicht verwundern, dass in den Kreisen solcher Sportskameraden recht oft die naive Vorstellung Eingang in weniger trainierte Gehirne findet, es müsse sich im Schutzdienst um ein ganz echtes Zubeißen handeln, sozusagen »blutig ernst« werden. Wenn man bedenkt, dass der Hetzärmel aus so festem Material besteht, dass Bissverletzungen vermieden werden, überdies häufig Figuranten in ganzen Schutzanzügen die Wallstatt der Hundeausbildung betreten, dick gepolstert und beledert - da muss doch klar suggeriert werden, wie notwendig es ist, sich vor »bissigen« Hunden zu schützen!

So kann es gar nicht ausbleiben, dass die ganze Ausbildung zum Schutzhund ein Spiel mit dem Feuer ist, und dass sich der Figurant vor der Bösartigkeit der vorgeführten Schutzhunde bewahren muss. Zumindest auf die Zuschauer muss das so wirken, wenn der Panzermann scheinbar todesmutig auf den »Polizeihund« zuschreitet!

Ein verzerrtes Bild des Geschehens! Was wirklich verlangt wird, ist nichts anderes, als dass der Hund den Figuranten am Arm festhält, diesen auf keinen Fall auslässt. Da auch der friedlichste und zuverlässigste Hund im Eifer des Festhaltens die Kiefer so stark zusammenpresst, dass es ernsthaft wehtut, macht das an sich den Einsatz eines Hetzärmels verständlich. Aber mit dem Begriff »beißen« verbunden, führt das ganze Spiel eben zu einem schwerwiegenden Missverständnis.

Wir sollten uns hierbei daran gewöhnen, von »Fassen« oder »Festhalten« zu sprechen. Das ist mit dem Festhalten einer Beute vergleichbar, die nicht von dem getötet wird, dem im Wolfsrudel diese Aufgabe des Festhaltens zufällt, sondern von dem, der sich ungefährdet der Kehle des zu tötenden Beutetiers nähern kann - der beißt dann wirklich zu! Was übrigens mit Aggression überhaupt nichts zu tun hat.

Irregeleitete Vorstellungen über Schutzhunde führen zu dem Wunsch nach scharfen Hunden. Wenn der Jäger sich wünscht, dass sein Jagdterrier »Raubzeugschärfe« beweist, ist das völlig normal. Wenn ein Hundehalter sich wünscht, dass sein Hund »Menschenschärfe« hat, ist das kriminell! Ein scharfer Hund ist unberechenbar, da er einen aggressiven Charakter besitzt, der sich jederzeit unerwartet entfalten kann, auch dann, wenn es gerade nicht erwünscht ist. Solche Hunde können nicht nur zur schwerwiegenden Umweltbedrohung werden, sie greifen häufig sogar ihren eigenen Herrn oder Mitglieder seiner Familie an. Kennzeichnend für bissige Hunde ist, dass ihr Angriff ohne jede Warnung erfolgt, also kein Drohverhalten dem Zubeißen vorausgeht. Gewöhnlich flüchten solche Hunde nach dem Biss, wie das »Angstbeißer« stets tun. Darauf komme ich noch zu sprechen. Es muss unmissverständlich klargestellt werden, dass das aggressive Verhalten bissiger Hunde nichts mit jener Aggression zu tun hat, die ein natürlicher Bestandteil des normalen Verhaltensinventars ist, die der Selbsterhaltung und der individuellen Selbstbehauptung gegenüber anderen Artgenossen dient.

Zusammenfassung:

Es muss unterschieden werden:

a) das Bestreben, etwas mit den Kiefern festzuhalten,

b) das reflexartige Abwehrschnappen,

c) das spielerische »Zwicken« und

d) das echte Beißen, das zu blutenden Wunden führt und mit voller Verletzungsabsicht ausgeführt wird.

Bissige Hunde sind solche, die unvorhersehbar nach Schema d) auch ohne ersichtlichen Grund handeln.

5. Was ist natürliches Aggressionsverhalten?

Allen Tieren ist nach Konrad Lorenz ein angeborener Aggressionstrieb eigen, der normalerweise durch Hemmzentren im Gehirn blockiert wird. Antrieb und Hemmung liegen im Bereich des Zwischenhirns; die Hemmungen können überdies durch Erfahrung (Selbstdressur) oder vernunftvolle Ausbildung (Fremddressur) verstärkt werden. Im Großhirn, das eine Kontrollfunktion ausübt, sind sie gespeichert. Die Fähigkeit zur Aggression dient zunächst der innerartlichen Kommunikation, das heißt, ein ranghöherer Hund beantwortet Fehlverhalten eines Rangniederen mittels abgestuft starkem Aggressionsverhalten. Ebenso wird das eigene Territorium gegen Artgenossen mit Hilfe des Aggressionstriebes verteidigt. Außerdem dient dieser Trieb der Selbstverteidigung gegen andersartige Feinde, sowie der Verteidigung der Jungen oder schwächerer Artgenossen.

Da es der Arterhaltung keineswegs dienlich wäre, wenn man einen ungehorsamen oder aufdringlichen Artgenossen gleich töten würde, sorgen die Hemmzentren dafür, dass stets nur so viel Aggression abgelassen wird, wie unbedingt notwendig ist, um den Artgenossen in die Schranken zu weisen. Hierfür ist eine umfassende Drohmimik und Drohhaltung als Vorwarnsy stem vorgegeben, die vom Partner verstanden werden und ihn veranlassen, es nicht bis zum Letzten - der Beißerei im Sinne eines Beschädigungskampfes mit Tötungsabsicht - kommen zu lassen. Dies unterscheidet den normalen Hund von gewissen Menschen, die an einem degenerativen Mangel an Hemmzentren leiden, ebenso wie von jenen Hunden, die verkümmerte Hemmzentren aufweisen. Das ist erblich, weil solche Hunde planmäßig gezüchtet werden, ähnlich wie man Kampfhähne züchtet. Dies habe ich bereits unter Ziffer drei dargestellt.

Da häufig die Frage gestellt wird, ob man nicht durch Einkreuzen von Wölfen Hunde schärfer machen könnte, sei hier das normale Verhalten eines Wolfes geschildert, der von klein auf den Umgang mit Menschen gewöhnt ist. Letzteres ist insofern wichtig, weil ein Wolf, der diese Gewöhnung nicht hat, den Menschen flieht. Das steht zwar den Aussagen von Romanschreibern und Filmemachern entgegen, hat dafür aber den Vorzug, wahr zu sein.

Was also tut so ein Wolfsrüde, dessen Wölfin gerade Welpen säugt, wenn ein ihm fremder Mensch das Gehege betritt und sich dem Lager nähern will? Nehmen wir an, das Lager ist zehn Meter von der Gehegetür entfernt, die Person ist eingetreten. Zunächst stellt sich der Rüde vor das Lager und zwar so, dass er es mit der Breitseite seines Körpers abschirmt; dabei beobachtet er den Fremden aus den Augenwinkeln. Nun macht der Mensch einen Schritt auf das Lager zu. Jetzt blickt der Rüde dem Mann erhobenen Hauptes voll ins Gesicht, seine Rute hebt sich um einige Zentimeter an. Der Mann macht noch einen Schritt vor. Der Wolf bekommt ganz starre Augen, seine Rute geht noch höher, die Beine strecken sich durch.

Nun der dritte Schritt: Die Maulwinkel des Wolfes ziehen sich zurück, am Nasenrücken erscheinen erste Falten, der Kopf wird noch höher gehalten, wobei die durchgestreckten Beine den Rumpf so hoch als möglich heben; die Rute steht jetzt senkrecht. Vierter Schritt: Der Rüde zieht die Maulwinkel ganz weit zurück und hebt sie ein wenig an. Die Falten am Nasenrücken verstärken sich und die Schneidezähne werden sichtbar, dahinter die Fangzähne. Das Nackenfell sträubt sich und lässt den Hals noch dicker erscheinen. Nun macht der Fremde den fünften Schritt nach vorne. Jetzt entblößt der Wolfsrüde die ganze Pracht seines Gebisses und zeigt auch auf der Stirn Falten, was ungemein drohend wirkt, auch auf uns Menschen, da wir unsere Drohmimik mit der aller höheren Säugetiere in den Grundzügen teilen. Hinzu kommt, dass sich nun auch die Haare auf der Mittellinie des Rückens senkrecht stellen und eine hohe Bürste bilden, die im Verein mit der ganzen hochgereckten Körperhaltung den Wolf ganz unangenehm groß erscheinen lassen.

Spätestens hier wird ein intelligenter Mensch ganz sanft auf den Rückwärtsgang kuppeln und langsam, rückwärtsschreitend die Türe zu erreichen suchen. Unser Fremder aber ist unheilbar blöd und geht den sechsten Schritt vor. Im Zwischenhirn des Wolfes macht es bereits deutlich Klick - wieder hat da eine für die Aggressionsblockade zuständige Zelle abgeschaltet, was dem Wolf erlaubt, seinen Aggressionsvorrat stärker wirken zu lassen, was sich in einem dumpfen Knurren äußert. Noch nicht sehr laut, aber deutlich. Siebenter Schritt: Die Zähne sind bis auf das Zahnfleisch entblößt, die Kiefer werden geöffnet, die Muskeln der sich sanft niedersenkenden Hinterhand werden zum Sprung angespannt.

Achter Schritt: Der Fremde liegt rücklings am Boden, umgerissen von der Wucht eines kraftvoll vorgeschnellten 120-Pfund-Körpers, niedergedrückt von den auf seinen Schultern aufgestützten Vorderpranken. Der weit geöffnete Rachen des Wolfes droht mit 42 Zähnen in unheilvoller Nähe des schutzlos preisgegebenen Menschen.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, der Mann ist ein Volltrottel und schlägt mit den Fäusten auf den Wolf ein. Oder er besitzt wenigstens einen letzten Funken von Instinkt. Im ersteren Fall drückt der Wolf seine Zähne beherrscht, aber deutlich spürbar in die Halshaut des Fremden.

Das ist nämlich das Unwahrscheinliche: Wäre er ein Wolf aus freier Wildbahn, erwachsen eingefangen und eingesperrt, mit der natürlichen Angst vor dem Menschen, würde er spätestens jetzt die Kehle einfach durchbeißen. Er tut es aber deswegen nicht, weil er keine Angst vor Menschen hat, weil er, handaufgezogen, bislang nur Gutes von ihm erfahren hat, und so begnügt er sich mit dieser letzten Beißdrohung.

Versucht der unterlegene Mensch aber, sich weiterhin mit Händen und Füßen zu wehren, dann bleibt auch dem verständnisvollen Wolf nichts anderes übrig, als auch diese Erfahrungen in seinem Großhirn abzuschalten und die letzte Hemmzelle seines Zwischenhirns auszuklinken. Was folgt, tut wahrscheinlich gar nicht besonders weh, da die Nervenleitungen und Blutbahnen schlagartig unterbrochen werden.

Im anderen Falle, wenn der Eindringling regungslos liegenbleibt, ticken die letzten Zellen im Zwischen- und Großhirn weiter, der Rachen schließt sich nicht um den Hals. Der Fremde erzählt nun dem Wolf, dass er ein ganz lieber, ein ganz braver Wolf sei - mit leiser, sanfter Stimme, versteht sich, und schaut, so gut er kann, zur Seite, um auszudrücken, dass er nichts Böses wollte.

Die beruhigende Stimme, die regungslose Körperhaltung üben nun eine interessante Wirkung aus. Die Hemmzentren des Wolfes nämlich haben zwar die Aggression bis hierher freigegeben. Aber da nichts weiter passiert, ermüden die Zellen des Aggressionsbereiches, sie laufen wie verbrauchte Batterien aus, und die Hemmzellen klinken sich nach und nach wieder ein, um die gewohnte Ordnung wieder herzustellen.

Demzufolge entfernen sich die drohend geöffneten Kiefer nach und nach immer weiter von der Kehle, und so, wie sie der Reihe nach aufgetaucht sind, bilden sich die Ausdrucksweisen in umgekehrter Reihenfolge wieder zurück; nach einiger Zeit steigt der Rüde sogar von den Schultern des Überwältigten. Für den mag das wie eine Ewigkeit währen, aber es sind nur Minuten, vorausgesetzt, dass er sich weiter regungslos verhält, denn immer noch sind die Blicke des Wolfes haarscharf beobachtend auf ihn gerichtet, und immer noch ist alles in Bereitschaft, die Drohverhaltensweisen wieder zu reaktivieren.

Der Wolf muss erst völlig davon überzeugt sein, dass der Mensch verstanden hat, worum es geht. Ist er das - was längere Zeit dauern kann - und wird er schließlich müde, dauernd diese Wartehaltung einzunehmen, geht er zuletzt zum Lager zurück, um nachzusehen, ob dort alles in Ordnung ist.

Nun hängt es von der körperlichen Geschicklichkeit des Mannes ab, ohne auffallende Bewegungen seinen Körper Zentimeter für Zentimeter wenigstens einen Meter weit Richtung Türe zu schieben. Je weiter er weg ist, desto beruhigter kann er Füße und Hände zur Fortbewegung einsetzen. Ist man dann draußen, kommt der Wolf ans Gitter, um sich kraulen zu lassen. Er ist nämlich genauso froh wie der Mensch, dass er es nicht bis zum Äußersten hat kommen lassen müssen.

So also sind Wölfe wirklich, und sie verzichten auf alles das, wenn sie allein im Gehege sind, weichen vielmehr einem Fremden sorgsam aus, falls ihnen der Fremde nicht vertrauenswürdig genug erscheint. Anderenfalls nähern sie sich ihm ganz allmählich und versuchen, sein Vertrauen zu erwerben, da sie es wie unsere Hunde lieben, ein wenig im Fell gekrault zu werden.

Wie schön könnte das Leben doch sein, wenn alle unsere Hunde noch denselben freundlichen Charakter hätten wie zahme Wölfe! Zahme Wölfe, die mit Menschen nur gute Erfahrungen gemacht haben, was der Ordnung halber besonders betont sei!

So und nicht anders benimmt sich aber auch jeder Hund, der nicht auf Schärfe gezüchtet worden ist, der ebenfalls nur gute Erfahrungen mit Menschen gemacht hat. Sein Mienenspiel ist zwar, je nach Rasse, nicht mehr in jedem Falle so deutlich, aber darauf kommt es nicht an. Es genügt, wenn man weiß, wie ein ordentlicher Wachhund, dessen Gehirn nicht manipuliert worden ist, handeln würde, wenn man ihn zu sehr herausfordert. Er macht es dann nicht anders als der Wolf, dessen Verhalten ich eben aus diesem Grunde so genau geschildert habe. Wer einen anders reagierenden Wachhund hält, macht sich in meinen Augen vorsätzlicher Körperverletzung schuldig!

So und nicht anders verhält sich weiterhin auch ein normaler Hund, wenn er sich mit anderen Artgenossen auseinandersetzt; etwa einem, der in sein Territorium eingedrungen ist. Auch hier gilt die Voraussetzung, dass er bislang keine besonders schlimmen Erfahrungen mit anderen Hunden gemacht hat. Leider gibt es das nur sehr selten, da ein ungemein hoher Prozentsatz unserer Hunde keine Ahnung mehr von den guten Hundesitten hat ...

Zusammenfassung: