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Die englischsprachige Originalausgabe ist 2009 unter dem Titel »A modern dog's life« bei der University of New South Wales Press Ltd., Sydney, Australien, erschienen.
© 2009 Paul McGreevy

Übersetzt aus dem Englischen von Gisela Rau

© 2012 KYNOS VERLAG Dr. Dieter Fleig GmbH
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eBook-Ausgabe der Printversion

ISBN eBook (epub): 978-3-942335-68-3
ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-942335-58-4

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Paul McGreevy

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Über den Autor

Paul McGreevy ist Honorarprofessor an der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Sydney und Autor mehrerer Bücher über Tierverhalten. Seine bahnbrechenden Arbeiten haben ihm zahlreiche Auszeichnungen eingebracht, darunter den RSPCA Award der British Society for Animal Science für innovative Entwicklungen im Tierschutz, den Ian Clunies Ross Memorial Award des Australian College of Veterinary Scientists und den Companion Animal Welfare Award der Universities Federation for Animal Welfare.

Für meinen Vater, »Elvis« und alle meine geliebten, jetzigen und ehemaligen Hunde.

Inhalt

1   Aus Liebe zum Hund

2   Die Herausforderungen an den modernen Hund

3   Was Hunde mögen

4   Was Hunde nicht mögen

5   Netzwerken unter Hunden

6   Geschlecht, Krankheiten und Alter

7   Was motiviert Hunde?

8   Bindungen zu Nicht-Hunden

9   Die Welt entdecken

10   Die opportunistischen Hunde

11   Strafen und schlechte Erfahrungen

12   Feinabstimmung

13   Die Schule des Lebens

14   Nicht alle Hunde sind gleich

15   Arbeitsgemeinschaften

16   Die nächste Generation

17   Rex and the City

Danksagungen

Index

Kapitel 1

Aus Liebe zum Hund

Hunde und Menschen haben sich über sehr lange Zeiträume neben- und miteinander entwickelt, aber im »Hundeland« ist nicht alles zum Besten bestellt. Wir züchten mit Hunden, ohne besonders auf deren Wesen zu achten, obwohl Verhaltensprobleme der häufigste Grund für das Einschläfern junger Hunde sind. Wir möchten Hunde haben, die uns treu ergeben sind, aber erwarten gleichzeitig, dass sie auch damit zurechtkommen, wenn wir sie alleine lassen. Wir frustrieren unseren hündischen Begleiter ständig, indem wir ignorieren, was ihnen wirklich wichtig ist. Dieses Buch handelt von den Bedürfnissen der Hunde und davon, wie wir unser Wissen um Hunde und darüber, wie man sich im 21. Jahrhundert am besten um sie kümmert, verbessern können. Mein Ziel ist, einen neuen Ansatz zur Hundehaltung vorzuschlagen. Dabei greife ich auf die neuesten Forschungsergebnisse und auf meine Erfahrung als veterinärmedizinischer Verhaltenskundler zurück, der sein ganzes Leben mit Hunden verbracht hat. Ich hoffe, erklären zu können, warum Hunde drei Grundbedürfnisse erfüllt haben müssen, um gedeihen zu können: Spaß, Bewegung und Training. Vor allem aber biete ich frische Ideen an, wie wir als Hundebesitzer unseren Hunden helfen können, an diese tollen Sachen heranzukommen.

Salman Rushdie hat Hunde als »liebevolle, halb-vernunftbegabte, halb-mysteriöse Aliens, die in unseren Häusern leben« beschrieben. Rex and the City untersucht Aspekte unseres Verhaltens, die auf Hunde besonders rätselhaft wirken und zeigt, warum sie einige unserer Eigenschaften und Neigungen wohl nie verstehen werden. Es beleuchtet auch Aspekte der Hundehaltung, mit denen viele Besitzer Schwierigkeiten haben und stellt unverblümt vor, was es wirklich heißen kann, einen Hund zu haben. Letzten Endes ist dieses Buch für alle, die ihre Hunde besser verstehen und damit entmystifizieren möchten. Es soll Ihnen dabei helfen, ein besserer Hunde-Beobachter, Teamspieler, Umsorger, Begleiter und Coach fürs Leben zu werden, indem Sie wissen, wann und wie Sie eingreifen müssen.

Es ist kein Buch über den Zauber von Hunden oder über die zahlreichen Möglichkeiten, sich um sie zu kümmern. Dazu gibt es schon Hunderte von Büchern. Stattdessen ist meine Prämisse, dass der Besitz eines Hundes Zeit und Gedanken erfordert und nicht immer nur ein Spaß ist. Trotz der jährlich von Hundefutterherstellern herausgegebenen Zahlen, nach denen Haustiere gut für unsere Gesundheit sind, wissen wir alle, dass Hunde den Menschen um sie herum auch enorme Sorgen bereiten können, und zwar nicht nur ihren Besitzern. Dieses Buch stellt die Frage, warum Hunde uns Sorgen machen können und was sie dazu bringt. Es bietet Lösungen für einige der häufigsten hündischen Dilemmata an und scheut nicht vor der Tatsache zurück, dass viele Hunde ein alles andere als ideales Leben führen. In gewissem Sinne ist es also ein Buch für diejenigen, die gern das Beste für ihre Hunde möchten – im Gegensatz zu denen, die gern das Beste von ihren Hunden möchten.

Mit diesem Buch möchte ich Einsichten und Herausforderungen bieten, die Sie dazu bringen sollen, über das Verhalten Ihres eigenen Hundes nachzudenken. All die Hunde, mit denen Sie Zeit verbracht haben, bieten Beispiele für die Konzepte, die ich beschreiben werde. Wenn es darum gehen wird, die unerwünschten Auswirkungen unseres Tuns auf das Wohlergehen von Hunden zu untersuchen, so verspreche ich, dass ich nicht die abgedroschene und unpassende Frage Wie würden Sie das denn finden? stellen werde. Sie hilft nicht weiter, denn die hauptsächliche Herausforderung an uns ist es, wie Hunde zu denken, und nicht, von ihnen die gleichen Empfindungen zu erwarten wie wir sie haben. Ich werde unbedingt vermeiden, Hundeverhalten in menschlichen Begriffen zu interpretieren. Jede Aussage, die nahelegt, dass Hunde nahezu menschlich seien, ist für viele Hundefreunde nichts anderes als eine glatte Beleidigung. Ich möchte Sie vielmehr dazu ermutigen, den Hunden, die Sie jetzt kennen oder die Sie noch kennenlernen werden, anhand meiner Überlegungen Besseres zu bieten. Wenn es um die Gefühle von Hunden geht, gesteht dieses Buch ihnen die neuesten Forschungsergebnisse zu, aber es schreibt ihnen niemals menschliche Intelligenz zu. Hunde haben hündische Intelligenz – was für sie ein wesentlich nützlicheres Merkmal ist.

Je mehr Informationen wir über Hunde und ihr Verhalten sammeln, desto mehr beginnen wir zu begreifen, wie viel es noch zu entdecken gibt. Menschen verdanken Hunden sehr viel, und andersherum. Wir haben uns neben- und miteinander entwickelt und nutzen einer den anderen mal mehr, mal weniger aus. Diese Entwicklung geht immer noch weiter und beschreitet sogar neue Wege, die ich das ganze Buch hindurch beschreibe

Was ist »natürliches Verhalten« für einen Hund?

Hundehaltung mag so alt sein wie Jagd, die Verständigung mit Lauten oder Höhlenmalereien, aber die Erforschung von Haushunden in menschlichen Familien ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Das Verhalten und die Motivation eines jeden Hundes mögen einfach aussehen, aber in der Regel spiegeln sie Unterschiede der Menschen wider. Die eine Familie überschüttet ihren Hund vielleicht mit Aufmerksamkeit, während die andere ihren mehr oder weniger ignoriert. Eine Person in der Familie ist vielleicht ein großartiger Hundetrainer, während jemand anderes im gleichen Haushalt inkonsequent oder inkompetent ist. Wenn wir Hundeverhalten so gut wie möglich verstehen möchten, stammen die hilfreichsten Beobachtungen aus Populationen frei in der »Wildnis« lebender Hunde, die noch nicht durch direkten Kontakt mit Menschen kontaminiert sind. Keine Halsbänder, keine Leinen, keine Futternäpfe, keine Körbchen, keine Zäune. Solche Hunde stammen von den gleichen Vorfahren wie unsere domestizierten Hunde, aber sie leben vom Menschen getrennt. Völlig unverfälschte Daten zu erhalten kann schwierig sein. Auch wenn frei lebende Hunde sich von den störenden und gefährlichen Aktivitäten der Menschen lieber fernhalten, werden sie doch häufig von Menschen beeinflusst. Selbst auf einer Mülldeponie lebende Streuner können von den Müllmännern beeinflusst werden, während die in entlegenen Wäldern und auf Brachland versteckt lebenden Hunde von menschlichen Aktivitäten gestört werden können, die an ihren Reviergrenzen stattfinden. Als wild lebend (feral) betrachtete Hunde können auch als Welpen ausgesetzt worden sein und sind damit ein Produkt der Mensch-Hund-Interaktion.

Traditionell haben wir gern den Wolf als perfektes Modell dafür betrachtet, wie Hunde ohne menschliche Einflussnahme wohl sind. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch völlig stimmig, da wir wissen, dass Hunde sich aus Wölfen entwickelt haben. Der Haushund ist eine Unterart seines Vorfahren, des Grauwolfs. In den folgenden Kapiteln werde ich mich gelegentlich auf den Grauwolf als »Gevatter Wolf« beziehen, als Spitzname für den archetypischen wölfischen Urahn. Und wenn ich Beispiele von wild lebenden Hunden oder deren Verhalten anführe, werde ich diese Hunde der Einfachheit halber mit »Struppi Streuner« bezeichnen. Die entscheidenden DNA-Sequenzen des Haushundes unterscheiden sich in nur 0,2% von denen des Grauwolfs. Das bedeutet, dass die beiden sehr eng miteinander verwandt sind und erklärt, warum sie sich untereinander fortpflanzen können. Der Unterschied zwischen dem Grauwolf und seinem engsten wilden Verwandten, dem Kojoten, beträgt dagegen rund 4%.

Angesichts der Tatsache, dass Hunde und Wölfe genetisch praktisch nicht unterscheidbar sind, ist die enorme Variation in Körperform und -größe bei den Hunden wirklich bemerkenswert. Während ein erwachsener Wolf in der Regel um die 45 kg wiegt, kann ein erwachsener Hund zwischen 1,2 und 90 kg schwer sein (Fettleibigkeit kann den oberen Wert sogar noch weiter auf die Spitze treiben, mehr dazu im Kapitel 6 über »Geschlecht, Krankheiten und Alter«). Auch die Bandbreite der Verhaltensunterschiede, die mit diesen Variationen einhergeht, ist außergewöhnlich.

Auch wenn der Wolf ein beliebtes Modell für Hundeverhalten ist, ist der australische Dingo dafür vermutlich besser geeignet. Leider sind Dingos in ihrer Reinform stark bedroht, weil es heute nur noch wenige von ihnen gibt, die noch nicht mit modernen Rassen verkreuzt sind. Ihr Verhalten ist aber viel stärker das eines befreiten Hundes als das eines Wolfs es je sein könnte. Vom Verhalten her reagieren Dingos auf ihre Rudelmitglieder auf eine Art und Weise, die in Wolfsrudeln selten zu sehen ist. Erwachsene Dingos spielen zum Beispiel viel mehr miteinander als erwachsene Wölfe es tun; sie vokalisieren mehr und sind generell in ihrer Reaktion auf Fremde flexibler. In dieser Hinsicht sind sie typische Hunde. Diese Unterschiede im Verhalten sind nur die Spitze des Eisbergs, weil die Aussage, alle Hunde würden sich gleich verhalten, genauso schwach ist wie die, alle Hunde würden gleich aussehen. Rassen waren schließlich ursprünglich die körperliche Manifestation des menschlichen Wunsches, bestimmte Verhaltensmerkmale herauszudestillieren, was häufig mit wiedererkennbaren Körperformen, Fellfarben und Fellstrukturen einherging, die als Marker für diese Verhalten dienen können.

Gedankenfutter

image Während des Prozesses der Domestikation und der Entwicklung der Rassen haben sich die Schädelmerkmale von Hunden erheblich geändert. Bei erwachsenen Hunden kann die Schädellänge zwischen 7 und 28 cm variieren, während sie beim erwachsenen Wolf etwa 30 cm beträgt. Dabei überrascht es nicht, dass sich auch die Organe innerhalb des Schädels verändert haben. Das Verhältnis von Gehirn zu Körpergewicht zum Beispiel ist beim Haushund nur ein Drittel dessen, was es beim Wolf beträgt. Das Gehirn eines 45 kg schweren Wolfs ist also drei Mal schwerer als das eines 45 kg schweren Hundes. Mit diesen Zahlen im Kopf ist es natürlich sicher falsch anzunehmen, dass Hund gleich Hund gleich Hund ist. Ich begann mich dafür zu interessieren, wie das gesamte Nervensystem einschließlich Gehirn sich von der einen Rasse zur anderen unterscheiden kann. Und Unterschiede im Nervensystem haben natürlich tiefgreifende Auswirkungen auf unterschiedliche Verhalten bei unterschiedlichen Rassen.

Wenn wir die Wissenschaft des Hundeverhaltens entdecken, müssen wir dabei akzeptieren, dass vieles von dem, was wir zu wissen glauben, eigentlich immer noch Spekulation ist. Die meisten Hundebesitzer wären sicher überrascht zu erfahren, dass wissenschaftliche Zeitschriften zum Tierverhalten deutlich mehr Studien zu Bienen als zu Hunden verzeichnen. Warum? Der Durchschnittsmensch verbringt doch viel mehr Zeit mit Hunden als mit Bienen, also sollten wir doch eigentlich mehr über Hunderudel wissen müssen als über Bienenschwärme? Puristen könnten argumentieren, dass Bienen für seriöse Tierverhaltenskundler (Ethologen) interessanter als Hunde sind, weil ihr Verhalten weniger das Produkt menschlicher Beeinflussung in Form genetischer Selektion und Haltung ist. Es scheint fast so, als ob die allzu große Vertrautheit Verachtung erzeugt hätte. Zum Glück kann ich aber berichten, dass domestizierte Tierarten in der letzten Zeit zum Ziel eifriger wissenschaftlicher Forschung geworden sind: Es entsteht nämlich gerade das neue Forschungsgebiet der angewandten Ethologie, das bei der Lösung von Verhaltensproblemen hilft. Die schlechten Nachrichten sind aber, dass Hunde unter all den untersuchten Haustierarten das Schlusslicht bilden, da sie als nicht so wichtig im Vergleich zu wirtschaftlich produktiveren Tieren wie Schweine, Kühe oder Hühner betrachtet werden. Vielleicht ist das für die Hunde aber ein akzeptabler Preis dafür, dass sie in der westlichen Welt nicht als Nahrungsquelle betrachtet werden (wenn auch mit dem Aufkommen des Fusionsküchen-Trends Chow Chow mit Pommes Frites vielleicht gar nicht mehr so abwegig ist).

Ein Wort zur Vorsicht

Bei allen Forschungsbemühungen lohnt es immer, sich zu fragen: Wer finanziert die Studie? Kosten werden in der Regel dann als gerechtfertigt betrachtet, wenn Menschen einen Nutzen davon haben. Reiche Länder, die Hunde auch im Militär- und Polizeidienst einsetzen, bringen erhebliche Beträge für die Erforschung von Hundeverhalten auf. Hundefutterhersteller finanzieren häufig Studien, in denen die positiven Aspekte der Hundehaltung auf die Besitzer untersucht werden oder die Frage, wie die Haltung von Hunden erleichtert werden kann. Oder Führhundeverbände unterstützen Studien, die Hunde allgemein gesünder oder erfolgreicher im Training machen. All die genannten Studien haben Vorteile für Menschen: Polizei- oder Zollhunde schützen uns vor Terroristen, Familienhunde halten uns gesund und Blindenführhunde bewahren Menschen mit Sehbehinderungen davor, von Autos plattgedrückt zu werden.

Wenn also die meisten Studien Menschen nutzen, was ist dann mit Studien, die Hunden nutzen? Sehr viele der Arbeiten, mit denen Anteilseigner mancher Aktiengesellschaften lieber nicht in Verbindung gebracht werden würden, werden von Vereinen und Stiftungen aus dem Tierschutzbereich finanziert. In diesem Bereich wurde bis jetzt verdächtig wenig unternommen, aber die Schritte, die in letzter Zeit in diese Richtung gemacht wurden, sollten gebührend gewürdigt werden. Das ist ein Teil dessen, was ich mit Rex and the City gerne erreichen möchte. Ich hoffe außerdem, Sie mit der Aussicht auf eine rosigere Zukunft für die Welt der Hunde fesseln zu können.

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Kapitel 2

Die Herausforderungen an den modernen Hund

Man vergisst nur zu leicht, dass Hunde erst vor Kurzem mit der Anpassung an das Leben in der modernen Welt begonnen haben – eine Welt, die voll von menschengemachten Dingen und menschengemachter Technologie ist. Obwohl es diese Welt noch gar nicht so lange gibt, können wir Menschen uns vernunftmäßig erklären, was in ihr vorgeht. Für Hunde dagegen können die Anblicke, Geräusche und Gerüche des 21. Jahrhunderts manchmal wirklich überwältigend sein. Räder, Feuer, Elektrizität und Chemie sind Beispiele für Mechanismen, die wir zur Erklärung von »Magie« in der modernen Welt nutzen. Unsere Hunde erleben die Ergebnisse dieser Erfindungen aber ohne die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung zu kennen.

Umgang mit einer sich wandelnden physischen Welt

Stellen Sie sich nur einmal die körperlichen Beschränkungen vor, die wir rund um Hunde errichtet haben. Feste Wände kamen in der Welt frei lebender Hunde nicht vor - es waren andere Kräfte, die die Welpen in der Nähe der heimischen Höhle hielten, während das Rudel jagen ging. Moderne Begrenzungen und Oberflächen wie polierte Fußböden, elektrische Zäune und Rolltreppen können sogar gefährlich sein. An Treppen, besonders solche mit offenen Stufen, muss man sich erst einmal gewöhnen. Oder Aufzüge, die sich für Hunde wie ein Erdbeben anfühlen müssen, wenn sie zum Stillstand kommen. Und wie äußerst merkwürdig muss es für sie sein, in einen Raum (den Aufzug) hineinzugehen und beim Herausgehen aus genau der gleichen Tür auf eine völlig andere Reizumgebung zu stoßen.

Und dann gibt es natürlich noch die Herausforderung der Türen selbst: Manche gehen auf einen leichten Stupser mit der Nase auf, andere schlagen laut vom Wind zu. Es gibt Schiebetüren und Rolltüren, Glastüren, durch die Hunde hindurchsehen können oder Fliegentüren, durch die hindurch sie sehen und riechen können. Und dann gibt es all diese Türgriffe, die Menschen anscheinend zum Anfassen reizen und mit denen sie die Position der Tür verändern. Türgriffe haben eine Menge unterschiedlicher Größen und Formen und besitzen Schließmechanismen, die nur wenige, wirklich teuflisch begabte Hunde öffnen können. Die Problemlösung, die diese talentierten Safeknacker entwickelt haben, ist ein wirklich außergewöhnliches Beispiel für Lernen durch Versuch und Irrtum und Zeugnis für ihre Hartnäckigkeit. Wir werden das adaptive Lernen der Hunde weiter hinten im Buch noch etwas mehr in die Tiefe gehend betrachten.

Genauso sind Autos Kästen, in die Hunde einsteigen, um sich dann irgendwo ganz anders wiederzufinden. Natürlich keine gewöhnlichen Kästen. Wenn sie durch die Fenster dieser besonderen, lauten Kästen schauen, sehen Hunde Veränderungen: Andere Hunde, die vorbeiflitzen, ohne ihre Beine zu bewegen oder Hunde, die verschwinden, egal, ob man sie anbellt oder nicht (auch wenn die meisten Hunde davon überzeugt zu sein scheinen, dass Bellen hilft, sie loszuwerden). Und wenn die lauten Kästen zum Stillstand kommen, winkt den darin gereisten Hunden oft ein Spaziergang in einer neuen Umgebung. Wie spannend! Für manche Hunde bedeutet der laute Kasten ganz enormen Spaß. Kein Wunder, dass sie gerne ihr Bein daran heben.

Autos sind also für manche Hunde extrem bedeutsam. Sie können zwischen dem einen und einem anderen Auto unterscheiden und erkennen die Motorgeräusche verschiedener Fahrzeuge. Warum? Weil bestimmte Autos mit bestimmten Menschen assoziiert werden. Vertraute Menschen benutzen vertraute Autos. Erstaunlicherweise können Hunde denjenigen Autos Bedeutung beimessen, in denen für sie wichtige Menschen wegfahren, nicht denen, aus denen sie wieder aussteigen. Es scheint fast so, als ob sie eine Assoziation zu dem Geräusch herstellen könnten, das das Auto macht, wenn der wichtige Mensch erst einmal darin ist. Alternativ müssten sie rückblickend eine Assoziation herstellen, wenn der bedeutsame Mensch daraus ausgestiegen ist. Das würde aber bedeuten, dass sie die Geräusche aller möglichen Autos registrieren und abspeichern müssten – nur für den Fall, dass ein bedeutsamer Mensch aus einem von ihnen herauskommen könnte. Eine ermüdende und zeitverschwenderische Beschäftigung. Diese Fähigkeit der Hunde ist wirklich faszinierend, denn sie impliziert, dass die Evolution ihnen dabei geholfen hat, die komplizierte Aufgabe der Zuordnung eines neuartigen Geräuschs mit dem Verschwinden eines Rudelmitglieds herzustellen. In der Tat sehr verwirrend! Ich warne Sie, wir spekulieren uns immer noch durch weite Teile des Hundeverhaltens hindurch. Wie die Fernsehsprecher meiner Jugendzeit zu sagen pflegten: »Schicken Sie uns eine Postkarte, wenn Sie die Antwort wissen.«

Das an Häusern und Autos verbaute Glas ist ein hervorragendes Beispiel dafür, welche Mysterien das moderne Leben unseren Hunden bietet. Moderne Materialien gehen über den hündischen Verstand. Hunde können nicht wissen, dass diese Grenze, durch die sie zwar sehen, aber nicht riechen können, eine gebackene Silikat-Flüssigkeit ist, die für Lichtpartikel durchlässig ist. Wenn Welpen zum ersten Mal auf eine Glasscheibe treffen, lernen sie einfach, dass es an deren Undurchdringlichkeit nichts zu deuteln gibt und dass sie durch alles, durch das sie nicht riechen können, auch nicht hindurchgehen können.

Wer ist dieser Hund im Spiegel?

Die visuellen Herausforderungen der modernen Welt sind damit noch nicht zu Ende. Denken Sie nur einmal an Spiegel. Wenn ein Welpe zum ersten Mal sein Spiegelbild sieht, ist das, was folgt, für die meisten menschlichen Beobachter erst einmal lustig. Die Lernkurve, auf der sich dieser Welpe befindet, wird dadurch steiler, dass Welpen es vor Erreichen ihrer vollständigen visuellen Reife, die um den vierten Lebensmonat herum stattfindet, in der Regel schwierig finden, Gegenstände zu identifizieren. Für einen Welpen zeigt ein auf den Boden gestellter Spiegel eindeutig einen anderen Welpen, der geradewegs auf ihn zu galoppiert kommt, ihn anschaut, mit dem Kopf wackelt und ihn zum Spielen auffordert. Wenn die Wochen und Monate des Heranwachsens vergehen, wird der hinter dem Spiegel gefangene Welpe älter. Er wird immer weniger interessiert an dem Beobachter und für diesen wiederum uninteressanter, bis die beiden sich irgendwann beinahe vollständig ignorieren. Spiegel können Tieren anderer Spezies wie zum Beispiel Pferden und manchen Vögeln dabei helfen, besser mit dem Alleinsein zurechtzukommen, aber es gibt keine Hinweise darauf, dass Spiegel Hunden das Leid des durch Isolation bedingten Stresses ersparen können (siehe Näheres dazu in Kapitel 5 über Netzwerken bei Hunden). Bis jetzt wissen wir noch nicht, ob dies ein Hinweis auf ein Bewusstsein für das eigene Ich ist. Die ausbleibende Reaktion auf das Bild im Spiegel könnte auch bedeuten, dass dieses Bild im Laufe des Lernprozesses als irrelevant eingestuft wurde. Diese Passivität steht im Kontrast zu Berichten über Studien an Primaten, in denen die Tiere mit ihrem Spiegelbild interagierten und, was am erstaunlichsten war, den Spiegel dazu benutzten, um Flecken flüssigen Papiers zu entfernen, die man ihnen ohne ihr Wissen (in Vollnarkose) auf das Gesicht gemacht hatte.

Fernsehen: Wozu die ganze Aufregung?

Sind Spiegel für Hunde verwirrend, so sind Fernsehprogramme vermutlich ein unbegreifliches Mysterium für sie mit ihrer Non-Stop Kaskade von bewegten Bildern und Geräuschen und den Menschen, die sich sitzend darum versammeln und hineinstarren. Natürlicherweise würden sich Hunde einer Gruppe nie rund um einen Gegenstand versammeln und ihn anschauen. Die größte Ähnlichkeit besteht wahrscheinlich noch zu der Art und Weise, wie sie sich rund um eine Beute versammeln, wobei das Stillstehen und Anschauen sich aber dann sehr schnell in Zupacken und Zerreißen verwandelt. Fernseher riechen nicht wie Beute und bewegen sich nicht wie Beute – fragen sich also Hunde, die uns Menschen dem farbigen Kasten in der Ecke Tribut zollen sehen, was all das ganze Aufhebens eigentlich soll?

Falls Hunde überhaupt auf laufende Fernseher reagieren, dann tun sie das interessanterweise eher auf die Geräusche als auf die ausgestrahlten Lichtbilder. Das lässt vermuten, dass die Fernsehbilder für Hunde schlecht zu erkennen sind. Die Geschwindigkeit, mit der ihr Gehirn Bilder verarbeitet (die sogenannte Flimmerverschmelzungsgeschwindigkeit) unterscheidet sich von unserer und erklärt, warum nur wenige Hunde auf unserer Meinung nach für sie relevante Bilder wie zum Beispiel die anderer Hunde reagieren. Manche Hunde reagieren auf Bälle oder Schafe, die sich über den Bildschirm bewegen und untersuchen dann niedlicherweise die Rückseite des Geräts, um nachzuschauen, wohin sie verschwunden sind. Bestenfalls scheint es so zu sein, dass die Hunde eher Vierbeiner sehen als andere Hunde. Die meisten Hunde, die auf Tiere im Fernsehen reagieren, tun dies auf Pferde genauso wie auf Kühe und auf Antilopen genauso wie auf Erdferkel.

Menschen und ihr Veränderungstick

Als ob Häuser, Autos und Fernseher noch nicht genug Herausforderung wären, verändern sich die Menschen auch noch ständig. Man kann sich auf ihre Form, Farbe und ihren Geruch einfach nicht verlassen. Manchmal tragen sie dunkle Flecken über den Augen (Sonnenbrillen), die den Hund nicht mehr erkennen lassen, wohin sein Besitzer schaut. Kleider können das Erscheinungsbild selbst des vertrautesten Menschen völlig verändern, ein Hut kann die Silhouette des Besitzers dramatisch verändern und Menschen tragen, zur noch größeren Verwirrung der Hunde, Gegenstände mit sich herum (manchmal so große wie Leitern oder Fässer), die völlig über das Verständnis eines Hundes hinausgehen. Ein Hund könnte diese niemals im Fang, geschweige denn in den Pfoten tragen, woher sollten sie also Verständnis für diese Verwandlungskunst haben?

Und die moderne Geruchswelt, die Menschen Hunden aufzwingen, ist mit unnatürlich starken Düften wie Parfums, Aftershaves, Lufterfrischern oder Putzmitteln geschwängert, was für einen Hund etwa die geruchliche Entsprechung eines plärrenden Ghettoblasters darstellt. Letzten Endes können wir nicht genau wissen, was der moderne Hund für sich aus all diesen Neuheiten macht und wie er mit all diesen Herausforderungen zurechtkommt. In Kapitel 17 werden wir innovative Möglichkeiten untersuchen, wie Technologien uns dabei helfen können, die Verhaltensbedürfnisse unserer Hunde zu befriedigen. Lassen Sie uns in der Zwischenzeit darauf konzentrieren, was wir mit Sicherheit über die Sinne des Hundes wissen.

Wie Hunde die Welt wahrnehmen

Geruchssinn

Der Geruchssinn ist die vorherrschende Sinneswahrnehmung des Hundes und ermöglicht es ihm, Duftmoleküle aus komplexen Geruchsmischungen herauszuriechen. Er hat etwa 220 Millionen Geruchsrezeptoren in der Nase, während es beim Menschen nur rund 5 Millionen sind. Von den anatomischen Unterschieden einmal abgesehen wurde anhand von Messungen festgestellt, dass der Geruchssinn des Hundes um das zehntausendfache bis hunderttausendfache stärker ist als der des Menschen, was etwa einem Verhältnis von einer Sekunde zu 317 Jahrhunderten entspricht. Es heißt, man müsste einen Hund niemals dazu motivieren, seine Nase zu benutzen. Für mich heißt es, dass Schnüffeln das ist, was ein Hund die ganze Zeit über tut. Zu schnüffeln bedeutet, Hund zu sein.

Mit dem zunehmenden Kampf gegen Terrorismus und Drogenhandel werden Spürhunde immer beliebter. Dabei beeinflussen Temperatur, Feuchtigkeit, Wind, Alter der Spur sowie Stärke des Geruchs die Erfolgsrate. Die geruchliche Wahrnehmung der zertretenen Vegetation zusammen mit den Fußabdrücken hilft Hunden eher beim Finden von Menschen als die Schwaden spezifischer Gerüche, die die Zielperson in ihrem Schlepp zurücklässt. Hunde können sogar den Geruch von Krankheiten wahrnehmen: Veröffentlichte Forschungsergebnisse weisen auf ihre beeindruckende Fähigkeit hin, die besonderen chemischen Verbindungen zu erschnüffeln, die von Krebszellen in der Haut, im Urin (bei Blasenkrebs) oder sogar im Atem produziert werden (mit einer Trefferquote von 88% bei Brustkrebs und 99% bei Lungenkrebs).

Das vomeronasale Organ, von dem man früher fälschlicherweise annahm, dass es nur bei nicht-menschlichen Lebewesen vorkäme, ist eine zusätzliche Komponente des Geruchssinns. Seine Hauptaufgabe ist das Wahrnehmen von Pheromonen, also derjenigen Substanzen, von denen man annimmt, dass sie die Mutter-Kind-Bindung stärken und Territorialsowie Sexualverhalten beeinflussen. Bei Hunden liegt dieses Organ gleich hinter den oberen Schneidezähnen im Gaumendach. Sie benutzen es, indem sie ihre Zunge schnell aus dem Fang herausstrecken und wieder einziehen, fast so, als ob sie trinken würden. Pheromone werden hauptsächlich im Urin transportiert, was der Grund dafür ist, warum Hunde so viel Zeit mit dem Finden und Kennzeichnen optimaler Markierungsstellen verbringen und so viel Wert darauf legen, die von anderen Hunden besuchten Markierungsstellen abzuschnüffeln. Pheromone sind nicht im Kot enthalten, sondern werden beim Passieren des Schließmuskels in einem ganz feinen Streifen aus dem Analbeutel bzw. der Analdrüse darauf geschmiert. Die Analdrüsensekrete enthalten Pheromone, die sich von einer Tiergruppe zur nächsten unterscheiden. Diese Unterschiede lassen vermuten, dass einzelne Hunde Informationen zu Alter und genetischen Unterschieden »herauslesen« können, wenn sie den Kot anderer und deren Geruch unter der Schwanzwurzel untersuchen. Aber nicht alle Hunde sind gleich gut, wenn es um das Herausfiltern von Gerüchen geht.

Wie erfolgreich ein Hund darin ist, eine Geruchsquelle oder einen Zielgeruch zu finden, hängt auch von den Umgebungsbedingungen ab. Die Windrichtung kann die Konzentration der Duftmoleküle beeinflussen, während höhere Außentemperaturen zu vermehrtem Hecheln führen. Diese Reaktion setzt die Fähigkeit des Hundes herab, genug Luft einzuatmen, um ein »klares Bild« der ihn umgebenden Gerüche zu erzeugen. Dies konnte sehr schön anhand von Studien gezeigt werden, die ergaben, dass Spürhunde an heißen Tagen weniger effektiv sind.

Sehsinn

Was die Sicht betrifft, sind Hunde uns Menschen in der Regel unterlegen, aber sie können mit ihrem zentralen Blickfeld Farben, statische Formen und bemerkenswert viele Details erkennen. Besonders gut können sie aber sich bewegende Objekte wahrnehmen und es deutet vieles darauf hin, dass einige von ihnen einen winkenden Menschenarm aus bis zu anderthalb Kilometern Entfernung erkennen können. Hunde sind sehr empfänglich für plötzliche oder ungewöhnliche Bewegungen, eine sehr nützliche Sache bei Blindenführhunden und Jagdhunden. Das panoramische Sehfeld beträgt 250-270°, wobei das binokulare (beidäugige) Sehen unter den einzelnen Rassen sehr variieren kann, je nachdem, wie weit auseinander die Augen im Schädel sitzen. Pekinesen und Bullterrier haben etwa 85° binokulare Sicht und Greyhounds um die 75°, während es beim Menschen rund 140° sind.

Gedankenfutter

image Die periphere Sicht eines Hundes wird von seiner Schädelform bestimmt. Wir haben die Anordnung der Zellen in der Netzhaut untersucht, um diesen Aspekt des Sehens zu erforschen. Für das periphere Sehen ist ein aus konzentriert angeordneten Zellen bestehendes, horizontal über die Netzhaut verlaufendes Band, der sogenannte visual streak, nötig. Seltsamerweise ist er bei Rassen mit verkürztem Schädel wie zum Beispiel dem Mops verschwunden. Bei den Tierarten, die wir bislang untersucht haben, nämlich Hund und Pferd, gab es eine direkte Korrelation zwischen Nasenläge und Konzentration der entscheidenden Ganglienzellen im visual streak der Netzhaut – lange Nase, langer visual streak; keine Nase, kein visual streak. Warum das so ist, muss noch herausgefunden werden.

Früher war man der Meinung, dass Hunde farbenblind seien, aber neuere Studien haben gezeigt, dass Hunde bei hellem Licht Wellenlängen im blauen und gelben Bereich des Lichtspektrums erkennen können und deshalb dichromatisch sind, das heißt zweifarbig sehen. Rot- und Orangetöne können sie allerdings nicht unterscheiden, da sie nur sehr wenige Netzhaut-Kegel besitzen, die auf rot/orange Wellenlängen reagieren. Das visuelle Farbspektrum von Hunden kann in zwei Formen gesehen werden: Violett und blauviolett, was als blau und grünliches Gelb gesehen wird; und gelb oder rot, was als Gelb gesehen wird. Hunde sind also rot-grün-blind, können aber besser zwischen verschiedenen Grautönen unterscheiden als Menschen.

Weil sie so viele Netzhaut-Stäbchen haben, können Hunde im Dunkeln viel besser sehen als Menschen. Ihre absolute Schwelle für die Wahrnehmung von Licht liegt etwa drei Mal niedriger als bei Menschen, sodass sie drei Mal besser zur Wahrnehmung schwacher Lichtintensitäten in der Lage sind. Das hinter der Netzhaut liegende tapetum lucidum maximiert das Licht im Auge und unterstützt deshalb das Nachtsehen beim Hund. Seine reflektierenden Zellen bilden die gelblich-grüne Schicht, die wir in Hundeaugen erkennen können, besonders, wenn diese im Dunkeln zum Beispiel in Autoscheinwerfer schauen. Faszinierenderweise fehlt diese spezielle Beschichtung im Auge bei manchen Hunden, vor allem bei braunen Labradoren und einigen Merle-farbigen Hunden. Wir wissen noch nicht, wie sich das auf ihr Sehvermögen auswirkt, aber es könnte bedeuten, dass sie sich im Dunkeln schlechter zurechtfinden. Sie laufen vielleicht gegen Dinge oder sind in fremder Umgebung misstrauischer, weil sie Formen nicht so gut unterscheiden können.

Das Gehör

Hunde haben ein sehr gut entwickeltes Gehör und können hohe Töne wahrnehmen, die uns Menschen entgehen. Kinder können Töne bis zu einer Frequenz von etwa 20 KHz hören, Erwachsene etwas weniger, während Hunde Töne bis zu 35 KHz hören können und man annimmt, dass ihre Obergrenze vielleicht sogar bei um die 100 KHz liegen könnte. Kein Wunder, dass sie den klappernden Schlüsselbund so gut hören, das Fahrrad des Briefträgers oder das Auspacken der Wurst. Ein solch scharfes Gehör ist vermutlich höchst nützlich beim Fangen von kleinen Beutetieren wie zum Beispiel Mäusen, die untereinander in hochfrequenten Tönen kommunizieren. Auch wenn man Geräusche bis zu 40 KHz nachweisen kann, so gibt es doch keinen Hinweis darauf, dass Hunde untereinander in so hohen Frequenzen (im Ultraschallbereich) kommunizieren können.

Der britische Tierschutzbund hat sich interessanterweise dafür ausgesprochen, dass laute Feuerwerke verboten werden sollten – mit der Begründung, hierbei handle es sich um eine Form von Tierquälerei gegenüber Hunden. Die erschütternde Anzahl von Hunden, die nach nächtlichen Feuerwerken verängstigt auf der Straße herumirrend aufgegriffen werden, scheint die Annahme zu stützen, dass Hunde diesen Krach nicht ertragen können. Indem sie mit ihren Pfoten abstimmen und ihr Zuhause verlassen, teilen sie uns mit, dass die relative Sicherheit ihrer Höhle, die sie aus ihrer evolutionären Entwicklung heraus so sehr schätzen, durch den schrecklichen Lärm eines unberechenbaren Monsters erschüttert wurde, das sie auch dann noch findet, wenn sie sich in den engsten Winkeln verstecken. Die therapeutischen Wirkungen einer sanften Konfrontation mit Aufnahmen von Donnergeräuschen sind wohlbekannt und haben zu einigen Studien angeregt, in denen man herausfinden wollte, welche Musikaufnahmen Hunde besonders mögen und wie man diese dann vielleicht in den Zwingeranlagen von Tierheimen einsetzen könnte. Im Vergleich zu menschlicher Unterhaltung, Heavy Metal und Pop brachte klassische Musik die Hunde am ehesten dazu, mehr zu ruhen und weniger zu bellen.

So unterschiedlich Hundeohren in Größe, Länge, Form und Haarigkeit sind, so unterscheiden sie sich auch in ihrer Fähigkeit zur Geräuschwahrnehmung. Mehr über die Vor- und Nachteile der einzelnen Ohrformen werden wir noch in Kapitel 14 erfahren, in dem wir rassebedingte Unterschiede genau unter die Lupe nehmen werden. Manche Hunde werden taub geboren, besonders solche mit reduzierter Pigmentierung des Haarkleids. Weil die Gehör-Nervenzellen und die Melanozyten (Pigmentzellen) sich aus dem gleichen Teil des Embryos entwickeln, sind Defekte im Pigmentationsprozess häufig mit Defekten der Gehörwege gekoppelt. Merlefarbige Hunde sind das beste Beispiel für eine Hypopigmentierung (verminderte Pigmentierung): Merle-Hunde dürfen niemals mit anderen Merles verpaart werden, weil dies das Risiko erhöht, dass die Nachkommen taub geboren werden.

Wenn taub geborene Hunde in Obedience-Wettkämpfen höchsten Niveaus erfolgreich sind, dann stellen sie damit ihren Trainern ein tolles Zeugnis aus. Auch jeder normal hörende Hund sollte, nachdem er einfaches Hörkommando gelernt hat, zusätzlich auf Hör- und Sichtzeichen trainiert werden. So kann er sich immer auch an den Sichtzeichen alleine orientieren, falls er später in seinem Leben einmal das Gehör verlieren sollte.

Tastsinn

Wir können uns nur schlecht vorstellen, wie sich die Welt für einen Hund anfühlt. Die Haut eines Hundes ist bis zu einem gewissen Maß vor der unmittelbaren Einwirkung von Wind, Wasser und sogar festen Oberflächen abgepuffert, aber dieser Puffer kann durch Scheren entfernt werden – manchmal mit frappierenden Ergebnissen. Viele Besitzer berichten von kompletten Veränderungen im Verhalten ihrer Hunde nach dem Schwimmen, besonders aber nach dem Scheren: Verdreifachte Lebensfreude mit Ausrufezeichen lautet der häufigste Bericht. Frisch geschorene Hunde wälzen und kugeln sich, fordern zum Spielen auf, sind außer Rand und Band, drehen sich um selbst und brechen so viele Regeln wie nur möglich. Sie gehen so richtig aus sich heraus. Warum? Vielleicht ist es nur die einfache Befreiung von der Last eines schweren Fells, das die Bewegung nach dem Scheren leichter macht. (In Nordengland werden Jagdhunde, die zur schnellen Verfolgung von Fährten eingesetzt werden, wegen der besseren Wärmeregulierung oft geschoren.) Oder sie erinnern sich daran, wie sich ihre Haut anfühlte, als sie noch Welpen waren ... oder vielleicht wissen sie auch, dass sie anders aussehen und finden das irgendwie lustig. Was auch immer der Grund ist, sie hüpfen und tollen oft herum wie die Wilden.

Die nicht-behaarten Teile eines Hundes scheinen weniger empfindlich zu sein als viele Bereiche der menschlichen Körperoberfläche. Das »Leder« auf den Pfotenballen und der Nase ist perfekt gemacht um stabil, dick und widerstandsfähig zu sein, weil es sich an exponierten Stellen befindet. Die Nasenhaut schützt vor Verletzungen, die beim Kämpfen, spielerischen Kämpfen, intensiven Schnüffeln am Boden oder Buddeln in Laubhaufen entstehen könnten. Die Haut an den Pfotenballen unterliegt der ständigen Abnutzung, wenn der Hund nicht gerade liegt. Sie muss nicht nur Abrieb und Perforation widerstehen, sondern auch Hitze und Kälte. Der Nachteil für den Hund ist, dass diese lederähnliche Hornhaut es vielleicht verhindert, dass er Untergründe so gut fühlen kann wie wir. Aber andererseitswas sollte der Hund mit solchen Informationen anfangen? Wir brauchen für Tätigkeiten wie die Pflege unserer Haut berührungsempfindliche Fingerkuppen, Hunde nicht.

Ein Bereich, der berührungsempfindlicher zu sein scheint als sein Äquivalent beim Menschen, ist der Fang. Die Vibrissen, die Tasthaare des Hundes, sind beweglich und jedes hat einen mit Blut gefüllten Beutel an seiner Wurzel, um die Bewegung zu verstärken. Wenn Sie das nächste Mal zusammen mit einem Hund entspannen, den Sie gut kennen, streichen Sie doch einmal ganz sanft mit Ihren Fingern an seinen Tasthaaren entlang. Schon der leichteste Kontakt verursacht ein reflexhaftes Heben der Lefzen, eine Reaktion, die sicherlich im Kampf wichtig ist: Sobald ein Gegner das Gesicht seitlich berührt, werden die Zähne gezeigt. Wir wissen nicht genau, wie die Tasthaare einem Hund außerdem noch dabei helfen, die Welt rund um seine Nase herum zu entdecken. Vielleicht sind sie unverzichtbar zum Graben und »Herumrüsseln«.

Gedankenfutter

image In Gefangenschaft lebende Seehunde benutzen ihre Tasthaare, um besser einen Ball auf ihrer Nase balancieren zu können. Dies ist eine tolle Demonstration dafür, wie Tasthaare beim Aufspüren von Beute helfen, die sich vor der Nasenspitze außer Sicht, aber nicht außer Reichweite befindet. Die am raffiniertesten und ungeheuer empfindlichen Tasthaare finden sich bei Walrossen: Sie benutzen sie, um die verräterischen Signale von Weichtieren auf dem Meeresboden zu orten. Es ist denkbar, dass die Tasthaare von Hunden einen ähnlichen Zweck haben.

Geschmackssinn

Beim durchschnittlichen Hund rutscht das Futter mit einer solchen Geschwindigkeit den Rachen herunter, dass es sehr wenig Zeit in Kontakt mit der Zunge und den vielen darauf angeordneten Geschmacksknospen verbringt. Hunde testen Futter mit vorsichtigem Lecken, falls es bei Annäherung nicht vertraut riecht. Die sogenannten Schoßhunde scheinen darin besonders gut zu sein, vor allem Malteser haben einen notorisch kapriziösen Appetit. Sie schlingen das Futter nicht hinunter, als ob es kein Morgen gäbe. Im Gegenteil, sie scheinen davon überzeugt zu sein, dass sie belohnt werden, wenn sie auf etwas Schmackhafteres achten. Viele Besitzer solcher prinzen- und prinzessinnenhaften kleinen Sofarutscher trainieren ihre Hunde erst dazu, sich so zu benehmen. Denn Tatsache ist, dass Sie das Verhalten bekommen, das Sie trainieren ... und den Hund, den Sie verdienen.

Wenn Launenhaftigkeit erlernt werden kann, dann gilt das auch für echte Vorsicht. Wie wir in Kapitel 11 über schlechte Erfahrungen sehen werden, ermöglicht das Erlernen einer Futteraversion den Hunden die Anwendung einer »Erst einsaugen, dann mal sehen«-Strategie, wenn sie auf unbekannte Nahrung treffen. Hunde, die ein oder mehrmals täglich heimlich in verlockende Leckereien versteckte Medikamente bekommen, sind besonders vorsichtig mit neuem Futter. Und besonders misstrauisch sind sie, wenn ihnen unmedikamentiertes Futter ins Maul geschoben wird, ohne dass sie dafür arbeiten müssen. Eine Möglichkeit, solchen Argwohn zu vermeiden, ist, die guten Leckereien als Teil der normalen Trainingsstrategie auch dann öfters zu geben, wenn keine Medikamente nötig sind. Der Trick dabei ist, dass der Hund zuerst ein trainiertes Verhalten zeigen muss, wenn er irgendeine Leckerei ohne und vor allem mit Medikament darin bekommt.

Während Geschmack für die meisten Hunde kein wichtiger Teil des Fressens ist, so spielt er für Rüden eine wichtige Rolle in der sexuellen Überwachung. Wir alle kennen das typische Flehmen mit hochgestülpter Oberlippe bei Pferden und Bullen, das von Boulevardzeitungs-Journalisten routinemäßig und fälschlicherweise immer wieder als »Lachen« betitelt wird. Die Entsprechung dazu beim Hund ist, flüchtige Duftstoffe aus dem Urin mit einer ganz speziellen Art des Leckens in Richtung des vomeronasalen Organs zu befördern. Als ein Bestandteil des Werbeverhaltens lecken Rüden die Ohren, Lefzen und Genitalien der Hündin. Letzteres Ziel wird untersucht, um die physiologische Paarungsbereitschaft festzustellen, während die Ohren und Lefzen deshalb berührt werden, um die Toleranz der Hündin oder ihre mentale Bereitschaft zu testen. Natürlich bringen manche Dinge, die Hunde belecken, Menschen ganz klar zum Würgen. Zum Entsetzen mancher Beobachter putzen Hündinnen zum Beispiel den Urin und Kot ihrer noch ans Nest gebundenen Welpe mit dem gleichen Genuss weg, wie manche älteren Hunde ihn für das Fressen von Katzenkot hegen. Und Hunde beiderlei Geschlechts scheinen es auch zu mögen, ihre eigenen Körperabsonderungen aufzulecken, aber auch hier ist nicht klar, ob diese Art der Abfallentsorgung ein Zeichen für guten oder schlechten Geschmack ist. Ein kleiner Trost für die Besitzer ist: Wenn Hunde dies tun, können sie sich an ihren eigenen Absonderungen nicht infizieren.

Wie Hunde kommunizieren – untereinander und mit anderen

Jetzt, wo wir eine gewisse Vorstellung davon haben, was Hunde mit ihren Sinnen entdecken können, lassen Sie uns einmal sehen, wie sie diese Sinne einsetzen, um untereinander und mit Mitgliedern anderer Spezies zu kommunizieren.

Geruchsmarkierungen

Wenn Hunde sich treffen, sind die Rollen von Schnüffler und Beschnüffeltem von größter Bedeutung. Der Beschnüffelte legt in der Regel die Ohren zurück. Es kann sein, dass er weiter stillhalten muss, wenn der Schnüffler mit dem Studium seines Hinterteils fertig ist und sich zur Rückseite des Halses bewegt – der Achse der hündischen Kommunikation. Er ist verletzlich und muss seine Achtsamkeit auf frühe Warnzeichen für Schwierigkeiten konzentrieren. Er kann mit aufgestellten Haaren zur Seite springen. Manchmal empfängt er auch einen falschen Alarm und versucht, sich zur Seite herumzuwerfen, um nicht von hinten angegangen zu werden – fast so, als ob er versuchen würde, seine Geheimnisse für sich zu behalten. Diese Vorsicht spiegelt eine Reihe von Eigenschaften wider, die von simpler Beweglichkeit und Springfreude (ein junger Hund kann ein älteres, schwereres Model hier in der Regel ausspielen) bis hin zu Erfahrung reicht. Manche Hunde haben eine sehr niedrige Schwelle für Warnsignale, besonders, wenn sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht haben oder ihnen als Junghunde keine Möglichkeiten zur Sozialisation gegeben wurden. Auch ranghohe Hunde können mit erstaunlicher Geschwindigkeit von der Rolle des Schnüfflers in die des Beschnüffelten wechseln. Bei einem ersten Treffen hat die Herausforderung an die Hunde vor allem mit der Diplomatie dieses Rollentauschs zu tun. Zu schnelle Bewegungen können dazu führen, dass der eine Hund sich über den anderen stellt, den Hals herunterdrückt oder sogar beißt.

Wenn ein Hund ein Stöckchen untersucht, riecht er als Erstes daran – vielleicht schnüffelt er nach Speichelspuren eines möglichen hündischen Vorbenutzers oder Spuren von Urin, die manchmal hinterlassen werden – so, als ob der Gegenstand für andere Hunde weniger einladend gemacht werden sollte.

Gedankenfutter

image Ergebnisse aus der Wolfsforschung weisen darauf hin, dass das Markieren geleerter Futterverstecke mit Urin diese als leer kennzeichnet und die Effizienz der Vorratshaltung verbessert.

Markieren ist eine Möglichkeit, gesehen beziehungsweise gerochen zu werden. Der Geruchssinn von Hunden ist so stark, dass Markieren in Form des Deponierens von Geruch im strengsten Sinne jedes Mal dann passiert, wann immer Hunde oder deren Körperflüssigkeiten in Kontakt mit einer festen Oberfläche kommen. Egal ob absichtlich oder unabsichtlich – das Markieren nimmt viele Formen an: Vom Scharren mit den Pfoten nach dem Lösen über Zusammenrollen bis hin zum Wälzen. Das Markieren mit Urin ist ganz klar stärker von Absicht geprägt und sowohl für Rüden als auch für Hündinnen wichtig, wenn (oder heutzutage eher: falls) sie die Geschlechtstreife und einen höheren Rang erreichen. Manche Hundebesitzer finden es grausam, ihren Hunden das zu untersagen, was sie als Lesen der Hundezeitung betrachten, wenn sie an jeder Straßenlampe stehen bleiben. Diese Hunde (und ihre Besitzer) sind immer gut zu erkennen, weil sie beide auffällig untrainiert sind. Diese Hunde halten auf heimischem Boden krampfhaft ihren Blaseninhalt zurück, egal, wie sehr er drückt. Ein in ihren Augen lohnender Preis für die Möglichkeit, markieren zu können. Wie viel Hunde für die Möglichkeit zum Markieren außerhalb ihres heimatlichen Fleckens Erde zu investieren bereit sind, zeigt sich auch in den Halsschmerzen und dem Abdrücken der Luftröhre, das sie in Kauf nehmen, wenn sie gegen das Halsband kämpfen, um so lange an einer wichtigen Markierstelle zu bleiben, bis sie ihre Arbeit getan haben.

Spaziergänge bedeuten Gerüche. Bedenken Sie, dass neue Spazierrunden für Hunde sehr aufwühlend sein können, denn für frei lebende Hunde wären neue Territorien mehr als ungewöhnlich. Struppi Streuner und seine Brigade wandern nicht jeden Tag in neue Gebiete oder steigen in ein Auto, um für eine Stunde an den Strand zu fahren. Vielmehr bleiben sie im Allgemeinen fest in ihrem Territorium. Und warum auch nicht? Sie kennen es gut, weil sie es gründlich erkundet haben. Die Kenntnis des Territoriums macht es möglich, alle Ressourcen zu nutzen, die es bietet und bietet die besten Chancen für Überleben und Fortpflanzung. Oder anders gesagt: Sie fördert die biologische Fitness.

Gedankenfutter

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