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Nick Oehme & Susanne Wille

HUNDE

IM

Großstadt-Dschungel

Stadtklar von Anfang an

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ISBN-eBook (epub): 978-3-95464-120-8

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Hunde und die Großstadt

Was uns Hunde geben können

Aspekte der städtischen Hundehaltung

Hunde in der Mietwohnung

Hundetagesstätte

Hundehaltung kostet Geld

Zeitmanagement

Klein vs. Groß

2. Vor dem eigentlichen Stadttraining: Wichtig zu wissen und zu können

Über- und Unterforderung erkennen

Frustrationstoleranz

Zwei wichtige Signale: „Schau“ und „Pfui“

Impulskontrolle: Nein, Tauben sind kein Futter!

Alles Leckerchen oder was?

Grundkommandos: Die Basics

3. Das Verlassen des Baus: Wir erkunden die Stadt

Erkundungsverhalten

Ruheinseln wahrnehmen

Ruheinseln zu Hause

Ruheinseln beim Spaziergang

Ruheinsel Auto

Ruheinseln bei Ausflügen

Ruheinseln im Urlaub

4. Training für den Stadtalltag

Die richtige Ausrüstung: Halsband oder Geschirr?

Die Rollleine

Welpen auf dem Arm nehmen oder nicht?

Leinenführigkeit

„Gefährliche“ Dinge erkunden

Straßen überqueren

Fahren mit Bus und Bahn

Maulkorbgewöhnung für öffentliche Verkehrsmittel

Hundebuggy / Hundefahrradanhänger

Shoppingtour mit Hund

Rolltreppen

Fahrstuhl

Besuch in Restaurant und Café

Hund im Büro

Kinderspielplätze – Orte mit viel Lärm

Veranstaltungen

Gewöhnung an Knallgeräusche Silvester in der Stadt

Asphalt und Streusalz

5. Hund trifft Hund

Social Networking für Hunde

Hundebegegnungen an der Leine managen

Weshalb Spielen so wichtig ist

Woran erkennt man gutes Spiel?

Taube Ohren – Abruf aus dem Spiel!

6. Beschäftigungsideen für den Stadthund

Mobility im Stadtparcours – in der Ruhe liegt die Kraft

Nasenarbeit – eine Schnüffelfreude

Autosuche auf dem Parkplatz

Apportieren – eine sinnvolle Jagd

Tricks – gewieft durch den Dschungel

7. Zu guter Letzt

Die Autoren

Die Fotografen

Einleitung

Hunde in der Großstadt – geht das überhaupt gut? Ohne Haus mit Garten oder ohne eine 120 m2 große Wohnung? Und dann noch neben dem Vollzeit-Job? Das ist doch unmöglich, oder? Fragen, die sich wohl fast alle stellen, die ihr Leben gerne mit einem oder gar mehreren Hunden in der heutigen urbanen Zeit teilen möchten. Dieses Buch hilft, Antworten auf diese Fragen zu finden. Es soll für die Besonderheiten der Stadthundehaltung sensibilisieren und einen Weg zeigen, wie Hund und Halter von Anfang an „stadtklar“ sind.

Der klassische „Dorfhund“, der frei sein Grundstück bewachen und im Notfall auch verteidigen musste, der weder ordentlich an der Leine laufen noch Pfötchen zu geben brauchte, ist für das Leben in der Stadt gänzlich ungeeignet. Die heutige Hundehaltung basiert auf anderen Bedürfnissen, Erwartungen und einer anderen Form der Mensch-Hund-Beziehung. Wir möchten einen Freund an unserer Seite, einen Weggefährten und ein Familienmitglied – und das Umfeld hat andere Erwartungen an den Hund, als das früher der Fall war. Um diesen Aufgaben jedoch gerecht zu werden, muss es für Mensch und Hund klare Grundsätze, Regeln und Grenzen geben, die ein harmonisches Zusammenleben ermöglichen.

Durch das Zusammenleben mit dem Hund teilt man vielfältige Erlebnisse miteinander, die ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Dass diese Erlebnisse nicht durchweg positiv sein können, weiß selbst jeder Optimist. Aber gerade wenn man die Herausforderungen der Großstadt wie Lärm, Müll, viele fremde Menschen, Hektik, Fahrzeuge und auch Gefahren gemeinsam meistert, bietet man sich und seinem Hund die beste Chance, ein tolles Mensch-Hund-Team zu werden und gemeinsam mit Freude die Stadt zu erobern.

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Die Stadt bietet vielfälltige Reize: Begeben Sie sich einmal auf Augenhöhe Ihres Hundes und sehen Sie, was er sieht.

So wird zum Beispiel die für uns ganz alltägliche Straßenbahn plötzlich wieder zu einem ganz besonderen Fortbewegungsmittel, wenn ein Hund ins Spiel kommt. Sie wirkt für sehr viele Vierbeiner zunächst einmal komisch, laut und nicht einschätzbar. Doch wenn man sich bereits in den ersten gemeinsamen Wochen Zeit nimmt und sich mit dem Welpen in die Nähe einer Haltestelle setzt, gegebenenfalls mit ihm auf dem Schoß zwei oder drei dieser „Ungetüme“ beim Vorbeifahren beobachtet, wird etwas Ungewohntes zur Normalität. Bewegt man sich jeden Tag ein paar Zentimeter dichter heran und übt schrittweise ein kurzes Ein- und Aussteigen, wenn die Bahn an der Haltestelle steht, dann steht der gemeinsamen, stressfreien Fahrt nicht mehr viel im Weg und es wird für unseren Hund allmählich genauso einfach wie für uns. Es lässt sich nicht nur in einer reizarmen Umgebung und bei besten Bedingungen trainieren, sondern auch im Getümmel der Stadt lassen sich viele Probleme leicht bewältigen, wenn man weiß, wie und verschiedene Lösungen kennt.

Außerdem hat Hundehaltung in der Stadt durchaus auch ihre Vorteile: In städtischer Umgebung finden Sie meist eine Vielzahl an unterschiedlichen Hundeschulen, die durch den höheren Wettbewerb in der Regel eine hohe Qualität aufweisen. Die Auswahlmöglichkeiten für Sie als Hundebesitzer sind in der Regel deutlich größer als auf dem Land, insbesondere, was verschiedene Hundesportarten betrifft. Auch Dienstleistungen wie Gassiservice, Tagesbetreuung oder Futterbringservice sind in Ballungsräumen leichter zu haben als auf dem flachen Land.

Also nur Mut und heran an das Projekt „Hund und Großstadt!“

1.

Hunde und die Großstadt

Was uns Hunde geben können

Termin hier, Arbeit dort. Schnell ins Internet. E-Mails checken. Freundschaften im sozialen Netzwerk pflegen. Dann noch schnell zum Sport. Ach ja … zu guter Letzt noch einkaufen. Nein! Schon wieder etwas vergessen. Jetzt aber erst einmal etwas essen, damit man dann gleich wieder dieses und jenes erledigen kann. Handy klingelt. Wer will jetzt schon wieder was?

Das Leben ist stark vom technischen Fortschritt gezeichnet und innere Ruhe sowie „Single-Tasking“ erscheinen einem wie Relikte längst vergangener Zeit oder wie moderne Esoterik- Strömungen. Könnte da die Anschaffung eines Familienmitglieds mit Fell nicht der Ausweg sein, dem alltäglichen Stress zukünftig zumindest zuhause besser entfliehen zu können und eine aktivere Freizeit zu haben? Auf jeden Fall hält einen der Welpe zu Beginn ordentlich auf Trab. Alle zwei Stunden runtergehen, damit das Geschäft draußen und nicht in der Wohnung verrichtet wird, besonders viel Ordnung halten, da alle herumliegenden Teile vermutlich ein hübsches Welpenzahnmuster erhalten und plötzlich (wieder) ein kleines Familienmitglied, welches alle Aufmerksamkeit und Führsorge beansprucht.

Belohnt werden wir mit unzähligen witzigen Situationen, wenn sich der kleine Held in der Sofadecke eingewickelt hat und über seine Pfoten stolpernd nicht mehr herausfindet, wenn er mit Schluckauf auf unserem Schoß liegt und sich ständig neuen Blödsinn einfallen lässt.

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Die Liebe zum Hund ist Balsam für die Seele.

Allerdings bemerkt man auch schnell, dass Hundehaltung eine mehr oder weniger große Herausforderung darstellen kann. Nach kurzer Eingewöhnungsphase im neuen Heim werden vielleicht auch erste Probleme sichtbar. Der eine Welpe hat große Schwierigkeiten, alleine zu bleiben, ein anderer benimmt sich gar nicht wie ein kleiner zuckersüßer Welpe, sondern beißt mit seinen kleinen, spitzen Zähnen in alles, was sich bewegt. Oder der Welpe wollte erst gar nicht laufen, zieht dann aber plötzlich mit aller Kraft, die der kleine Körper so hergibt, von einer Stelle zur nächsten. Hinzu kommt, dass Hundehalter häufig erleben, dass scheinbar jeder Hundebesitzer ein Trainer sein muss und man auch ungefragt stets Hinweise bekommt, wie denn das mit der Hundeerziehung anzugehen sei, so dass man letztlich erst recht nicht mehr weiß, was man nun tun soll und was nicht. Übrig bleiben Fragen über Fragen.

In den ersten beiden Jahren als neuer Hundehalter fühlt man sich so manches Mal überfordert, vor allem in der Zeit der anstrengenden Pubertät des Vierbeiners. Doch gerade hier liegt meist der Wendepunkt des gestressten Hundebesitzers. Schafft man es, die Hürden der ersten beiden Jahre gemeinsam mit seinem Hund zu meistern, liegt das ersehnte Ziel von Ruhe und Stressfreiheit in greifbarer Nähe. Denn das ist der Zeitraum, den der Hund zum Erwachsenwerden benötigt, um mit Herrchen und / oder Frauchen ein eingespieltes Team zu werden.

In dieser Phase des Teamwerdens sollte man seinen Blick immer auf die positiven Dinge lenken, denn Hunde haben die Eigenschaft, unsere Wahrnehmung auf die Gegenwart zu richten. Im täglichen Üben, Auseinandersetzen mit diversen Reizquellen oder Verhindern von städtischer Taubenjagd befindet man sich in völliger Konzentration auf eine einzige Sache. Nach Hause zu kommen und wedelnd, fast sterbend vor Freude begrüßt zu werden, ist ebenso ein Moment, den wir zwischenmenschlich eher selten erleben.

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Ein wohl erzogener Stadthund wirkt positiv auf unsere körperliche und seelische Gesundheit und ist eine Schnittstelle zwischen technischem Zeitalter und Natur.

Doch die positive Mensch-Hund-Beziehung kann noch mehr. Welche Wirkungen speziell die Beziehung zu Hunden auf das Wohlergehen des Menschen hat, wird mittlerweile weltweit in Forschungskreisen, Universitäten und Dachverbänden untersucht. Insgesamt betrachtet wirkt sich eine gute Mensch-Tier-Beziehung positiv auf Körper, Psyche und Sozialleben aus, wobei die Grenzen der Wirkbereiche fließend sind. So kann ein Tier einen günstigen Effekt auf das körperliche Wohl eines Menschen hervorrufen, was wiederum zu psychischen Verbesserungen und damit zu Veränderungen im sozialen Leben führen kann.

In verschiedenen Untersuchungen wird unter anderem belegt, dass ein angenehmer Kontakt mit Tieren den Blutdruck senken, sich positiv auf das Nerven- und Hormonsystem auswirken, das Gesundheitsverhalten des Menschen fördern, das Selbstbewusstsein steigern und die soziale Integration erhöhen kann sowie das Gefühl gibt, ohne Bedingungen akzeptiert zu werden. Denn mit dem schlafenden Welpen auf dem Schoß geht es einem schon sehr gut. Wenn man dann noch mit einem glücklichen Hund an der Leine auf einem erholsamen Spaziergang nette Leute getroffen hat, kann das sehr glücklich machen. Die Betonung liegt hier Allerdings auf „kann“. Denn jedes Mal, wenn man mit Hunden unterwegs war und sie Kot gefressen, sich in Aas gewälzt, kurz dem Hasen hinterhergestiegen und Stress mit dem Nachbarshund gesucht haben, hat man eher einen ziemlich hohen Blutdruck.

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Die Frage nach der „richtigen“ Hundeerziehung bietet Stoff für zwischenmenschliche Konflikte.

Aspekte der städtischen Hundehaltung

Städtische Hundehaltung erfordert im besonderen Maße eine solide Hundeerziehung. Zu oft hört man von Beißunfällen in Ballungsgebieten. Hundeerziehung heißt aber nicht, dem Hund lediglich Befehle oder Kommandos zu erteilen. Viel wichtiger als „Sitz“, „Platz“ oder „Fuß“ ist die Entwicklung beiderseitigen Vertrauens und einer tragfähigen Beziehung, ein Gefühl des Hundes für Respekt und Höflichkeit sowie Frust auszuhalten und nicht jedem Impuls nachzugehen. Daher muss bereits der Welpe lernen, sich in stressigen Situationen am Menschen zu orientieren. Näheres zu diesem wichtigen Thema lesen Sie in Kapitel 2 unter „Impulskontrolle“ und „Frustrationstoleranz“.

Als Mensch wird man für seinen Hund zur zentralen Figur, durch die der Vierbeiner weiß, wie er sich in bestimmten Situationen zu verhalten hat und dass er sich auf seinen Menschen verlassen kann. Beispielsweise, dass die vorbeifahrende Straßenbahn kein böswilliges Objekt ist, vor dem man Angst haben müsste. Oder bei Knallgeräuschen nicht instinktiv die Flucht ergreift, sondern sich dicht an den schützenden Menschen stellt. Zudem hat man die Pflicht, seinen Hund vor tatsächlichen Gefahren zu schützen.

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Wenn Sie Ihrem Hund gestatten, mit jedem Artgenossen immer Kontakt aufzunehmen, wird er das auch tun, wenn eine Straße dazwischenliegt – für die Gefahr hat er kein Bewusstsein.

Basiswissen für Ersthundehalter

Als zusätzlichen Service für Ersthundehalter haben wir Ihnen einige Kapitel mit nützlichem Grundlagenwissen zur Auswahl des richtigen Welpen und Züchters, zur grundsätzlichen Welpenerziehung und zur Fütterung zusammengestellt.

Sie finden das „Basiswissen für Ersthundehalter“ zum Herunterladen auf der Seite www.kynos-verlag.de unter dem Menüpunkt „Aktuelles und Service“.

Alternativ gelangen Sie über diesen QR-Code direkt zum Text.

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So muss schon der Welpe lernen, dass man nicht auf die andere Straßenseite rennt, sobald dort ein Artgenosse zu sehen ist. Natürlich kann man auch mit jedem erwachsenen Hund diese Verhaltensweisen noch trainieren.

Dieses Verhalten könnte in der Stadt zu schwerwiegenden Problemen führen, denn es gibt viele Menschen, die unsere Leidenschaft für Hunde nicht teilen. Diese Tatsache müssen wir als Hundehalter akzeptieren und deshalb einige Dinge berücksichtigen. Spontan denkt man da an lautes Bellen, stürmisches Begrüßen, Anspringen fremder Personen oder Kotmienen auf Gehsteigen oder öffentlichen Grünflächen, die nur darauf warten, betreten zu werden. Letzteres verärgert auch Hundeliebhaber.

Bedenken Sie, dass Sie selbst täglich einen Teil dazu beitragen, ob Hundehalter und deren Hunde gern gesehene Mitbürger sind oder man morgens um sieben Uhr schon das erste Mal eben diese verflucht, weil man in einen Haufen nicht weggeräumter Hundehinterlassenschaften getreten ist. Wir haben es also alle in der Hand, ob wir uns einfach auf gegenseitige Rücksichtnahme besinnen oder immer weiter das Thema „Auge um Auge“ ausreizen wollen. Gute Aktionen sind daher unserer Meinung nach zum Beispiel „Haufen sucht Herrchen“, bei dem Hundehaufen mit bunten Fähnchen markiert werden, um Hundehaltern bewusst zu machen, wie sie die Umwelt durch ihre Faulheit beeinträchtigen.

Die zentralen Leitworte städtischer Hundehaltung sind also „Rücksichtnahme“ und „Respekt“, und beides muss sowohl jedem Menschen als auch jedem Tier ausnahmslos entgegengebracht werden. Hoffentlich bedarf es nicht auch noch einer Hundeverkehrsordnung, in der als § 1 die gegenseitige Rücksichtnahme festgeschrieben werden muss.

Hier ein kleines Beispiel aus dem städtischen Alltag: Sie üben gerade mit Ihrem Hund „Ruhe bewahren“ im Alltagslärm und Gewusel der Stadt. Das heißt konkret, der Hund sitzt, steht oder liegt zwischen den Beinen und übt sich darin, Tauben als nicht jagdbares Etwas zu akzeptieren, vorbeilaufenden Kindern sowie Straßenbahnlärm keine Beachtung zu schenken, Fahrradfahrern oder Joggern nicht hinterherzujagen und dass Artgenossen nicht ständig begrüßt, bespaßt oder angepöbelt werden müssen, was mitunter für einige Vierund Zweibeiner am unverständlichsten erscheinen mag.

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Eine schwierige Übung: Der Hund sitzt zwischen Ihren Beinen und soll bei dem ganzen Stadtlärm cool und gelassen bleiben.

Versuchen Sie sich diese Situation bildhaft vorzustellen, um ein Gespür für zukünftige Stadtbegegnungen zu bekommen. Mitunter verläuft es so, dass Sie von anderen Hundebesitzern beim Üben gesehen werden, woraufhin diese manchmal langsam, manchmal zügig auf Sie zukommen. Nun bitten Sie das entgegenkommende Mensch-Hund-Team, dies zu unterlassen, weil Sie gerade mit Ihrem Hund trainieren. Zumeist vergeblich. Sie haben an dieser Stelle die Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen.

a)Sie brechen Ihre Übung ab und gehen mit Ihrem Hund in eine andere Richtung weiter.

b)Sie brechen Ihre Übung ab und geben dem Hund die Erlaubnis, ebenfalls zu dem anderen Hund hinzugehen. Dazu bietet sich ein Signal wie „Sag Hallo“ oder „Lauf“ an, denn so lernt er auch gleich, wann er zu jemandem hin darf und wann nicht (s. S. 161).

c)Sie sagen dem entgegenkommenden Hundehalter, Ihr Hund habe einen sehr ansteckenden Magen-Darm-Virus oder Flöhe. Dies ist in den meisten Fällen sehr effektiv, weil nur wenige Menschen Tierarztbesuche schätzen. Kann aber auch nach hinten losgehen, wenn der andere entgegnet, das sei kein Problem, weil sein Hund ebenfalls Flöhe habe.

d)Wenn Ihr Bauchgefühl dem Kontakt zu diesem Hund eher mit Unbehagen entgegensieht, insbesondere, wenn Sie einen Welpen oder kleinen Hund haben, können Sie diesen auch auf dem Arm nehmen, genauso, wie Sie es mit einem Kind auch tun würden.

e)Wenn Sie einen Kontakt absolut nicht möchten, können Sie sich auch vor Ihren Hund stellen und den anderen Hund auf Abstand halten (mehr zu Hundebegegnungen im Kapitel „Social Networking für Hunde“ ab S. 158).

Sie sehen anhand dieses Beispiels, dass Sie mit ziemlicher Sicherheit hin und wieder kleinere Konflikte mit anderen Hundehaltern aushalten müssen, weil sich nicht alle an die Regeln „Rücksichtnahme“ und „Respekt“ halten. Der Satz „Der tut nix!“ ist in diesem Zusammenhang ja schon fast legendär, und viele Besitzer reagieren mit Unverständnis, wenn man den Kontakt mit ihrem Hund jetzt gerade nicht möchte. Lassen Sie sich von anderen nicht dazu bewegen, Dinge bei Ihrem Hund zuzulassen, mit denen Sie sich eigentlich gerade nicht wohlfühlen.

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Viele Menschen möchten vor allem die kleinen Hunde streicheln, ohne daran zu denken, dass es dem Hund zu viel sein könnte.

Dieses konkrete Beispiel soll Sie für spezifische Herausforderungen der Stadthundehaltung sensibilisieren, weil die städtische Hundeerziehung mehr Geduld und Weitsicht erfordert als in reizarmen Umgebungen. Man stößt an etlichen Stellen auf spontane Probleme, die man vorher schlecht einkalkulieren kann, und meist haben sie mit anderen Hunden und anderen Menschen zu tun.

Generell geht das tägliche Üben mit relativ hohen Umweltreizen und starken Ablenkungen einher, denn sobald man die Wohnung verlässt, ist man mittendrin im wuseligen Leben der Großstadt. Die üblicherweise einfache methodische Reihe von ablenkungsarmer Umgebung zu kontinuierlich steigender Ablenkung, die in vielen Fachbüchern vorgeschlagen wird, ist in der Realität einer Großstadt nur bedingt einzuhalten. Ablenkung kommt nicht schrittweise, sondern in unvorhergesehener Art und Weise. Die einzige Möglichkeit, sich darauf vorzubereiten, liegt in der eigenen mentalen Verfassung, nämlich sich selbst bei jedem Gassigang auf „Trainingsmodus“ umzuschalten. Man muss sich also der Tatsache bewusst sein, dass man mit seinem Welpen immer dann trainiert, sobald man die Haustür verlässt, und nicht nur dann, wenn man sich gerade auf eine Übungsstunde eingestellt hat. Der Hund lernt immer! So bietet jedes Gassigehen die Chance, aber auch die Gefahr, dass der Hund etwas im täglichen Umgang mit uns und seiner Umwelt lernt. Ob dabei das Lernen positiver Erfahrungen begünstigt wird, ist oftmals von unserer eigenen Einstellung zur alltäglichen Gassirunde abhängig. Sieht man die routinierten Runden als „Übung“, läuft man weniger Gefahr, auf Unvorhergesehenes unangemessen zu reagieren. Genau hierin liegt aber auch das Spannende an städtischer Hundeerziehung, denn man weiß nie genau, was einem beim Gassigang erwartet.

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In der Welpenschule wird schnell gelernt, doch …

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… wenn der Welpe nach der Unterrichtsstunde wieder an der Leine ziehen darf, kann er nicht lernen, ordentlich an der Leine zu laufen.

Hunde in der Mietwohnung

Hunde in einer Mietwohnung halten zu dürfen ist kein uneingeschränktes Grundrecht. Als erstes sollten Sie sich deshalb vor Anschaffung des Hundes informieren, ob Hundehaltung durch den Eigentümer oder der Verwaltung grundsätzlich erlaubt ist. Wenn ja, lassen Sie sich die Erlaubnis am besten schriftlich geben.

Ein generelles Tierhaltungsverbot ist gemäß Urteil vom BGH nicht mehr zulässig. Der Vermieter muss individuelle sachliche Argumente vorbringen, um die vom Mieter gewünschte Hundehaltung zu untersagen. Dabei ist eine umfassende Abwägung der Interessen des Vermieters und des Mieters sowie der Hausbewohner und Nachbarn erforderlich. Pauschale Erwägungen und Lebenserfahrung des Vermieters genügen nicht als Begründung. Dieser muss die konkreten Störfaktoren, die gegen eine Hundehaltung sprechen, darlegen und begründen.

Wenn Sie also die schriftliche Erlaubnis für die Hundehaltung in der Wohnung haben, heißt das aber leider noch nicht, dass alles mit dem Vermieter und den Nachbarn glatt laufen wird. Ihre Mitmenschen können sehr schnell angespannt auf Bellen und Winseln reagieren, was insbesondere bei Welpen nicht unüblich ist. Deshalb sollten Sie im Vorfeld Ihre Nachbarn informieren und um Verständnis bitten, dass Sie sich einen kleinen Vierbeiner in die Wohnung holen und es deshalb hin und wieder zu kleinen Ruhestörungen kommen kann; an denen Sie jedoch als gewissenhafter Hundehalter arbeiten werden. Sind die Nachbarn auf eventuelle Störungen vorbereitet, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sofort den Vermieter über Lärmbelästigung informieren, wodurch der Vermieter das Recht hätte, Sie aufzufordern, den Hund wieder abzuschaffen.

Sind Mieter und Vermieter entspannt, gibt es eine weitere Hürde in Mietshäusern: Staub und Schmutz. Im Fell des Hundes sammelt sich enorm viel davon an. Außerdem haaren die meisten Hunderassen, und sobald es regnet, sind die Pfoten hervorragende Matschtransporteure, was schnell zu allgemeiner Verunreinigung in der Wohnung und dem Hausflur führt. Nicht zu vergessen die Tatsache, dass Krallen und Urinpfützen deutliche Spuren auf Laminat oder teurem Parkettboden hinterlassen. Die Industrie hat mittlerweile einige sehr nützliche Erfindungen auf den Markt gebracht, mit denen der Schmutz in der Wohnung (und dem Auto) recht einfach in Schach zu halten ist. So gibt es zum äußerst komfortablen Pfotenwaschen beispielsweise den „Paw Plunger“, eine Art Wassereimer mit integrierter Bürste, diverse Gummibürsten, die über statische Anziehung aus allen möglichen Textilien Hundehaare entfernen lassen oder spezielle Staubsaugeraufsätze, die über rotierende Bürsten den Teppich wieder haarfrei werden lassen.

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Stellen Sie sich nicht nur mit hundehaltenden Nachbarn gut. Haben Sie auch die Interessen der hundelosen Nachbarn immer mit im Blick.

Die Größe oder die Anzahl der Hunde sollte in Abhängigkeit zur Größe der Wohnung gut bedacht werden, weil der Aufwand zum Putzen schnell größer werden könnte, als sich vermuten lässt. Einem Hund ist es dagegen egal, ob Sie in einer 40 m2 oder 120 m2 großen Wohnung leben, er wird sich ohnehin in Ihrer Nähe aufhalten wollen. Es wird einer Deutschen Dogge, die zusammen mit ihrem Menschen in einer kleinen Wohnung leben und das alltägliche Leben außerhalb stets begleiten darf, besser ergehen, als einem Hund mit großem Garten, der sein Dasein allein auf dem Hof oder im Zwinger verbringen muss.

Extratipp: Erziehung zur Stubenreinheit

Das Stubenreinheitstraining gestaltet sich bei den Hunden unterschiedlich. Manche Hunde sind mit zehn Wochen beinahe „trocken“, die meisten brauchen dafür aber etwa ein halbes Jahr. Der Züchter legt dabei eine wesentliche Grundlage: Haben die Welpen bei ihm freien Zugang zum Garten, lernen sie sehr schnell, sich draußen auf dem Grünen zu lösen. Wenn Sie einen solchen Welpen übernehmen, sollten Sie also darauf achten, dass er regelmäßig (zu Beginn etwa alle zwei Stunden) nach draußen gelangt und dort einen begrünten Platz zum Lösen findet. Und darin kann in einer Großstadt schon ein Problem bestehen. Machen Sie sich also im Vorfeld bereits auf die Suche nach der nächstgelegenen Pipigelegenheit für Ihren Welpen. Wenn es keinen Grashalm in der Nähe gibt, sollten Sie nach einer alternativen Möglichkeit suchen, mit der Sie keinen Nachbarn verärgern. Dazu bieten sich beispielsweise Kiesbetten an, da hier der Urin sofort versickert und Feststoffe gut mit einem Hundekotbeutel aufgenommen werden können.