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Nicole Wilde

Knurrende
Kunden

Aggressionsverhalten bei Hunden:

Fallmanagement für Hundetrainer

KYNOS VERLAG

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Getting a Grip on Aggression Cases:

Practical Considerations for Dog Trainers

© 2008 Nicole Wilde

Übersetzt ins Deutsche von Heike Westermann

© 2009 für die deutsche Ausgabe: KYNOS VERLAG Dr. Dieter Fleig GmbH, Nerdlen

ebook-Ausgabe 2011 der Printversion (ePUB)

ISBN 978-3-942335-39-3

Bildnachweis:

Titelfoto:

S. 7, 75, 76, 77 (rechts), 79, 165, 166: Nicole Wilde

S. 77 (links): Mit freundlicher Genehmigung von Premier Pet Products

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Kynos Stiftung Hunde helfen Menschen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

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Für Mojo

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Inhaltsverzeichnis

Aggression.Allein das Wort lässt vielen Hundetrainern einen Schauer über den Rücken laufen. Manche vibrieren geradezu vor Aufregung angesichts der Möglichkeit, mit einem Hund zu arbeiten, der Anzeichen von Aggressionen zu zeigen beginnt oder der bereits gebissen hat. Das mag sich merkwürdig anhören, aber zu sehen, wie sich ein Hund von einem gefürchteten, geächteten »Problemhund«, der sein Zuhause zu verlieren droht, in ein zuverlässiges und geschätztes Familienmitglied verwandelt, kann unglaublich erfüllend sein. Eine bedeutende Wende in das Hundeverhalten zu bringen, einen sinnvollen Einfluss auf das Leben der Hunde und deren Besitzer zu nehmen und zuweilen den Unterschied zwischen Leben und Sterben für den Hund zu bedeuten, kann sehr aufregend sein. Die Arbeit mit aggressiven Hunden kann enorm lohnend sein, sowohl emotional als auch finanziell.

Andere Trainer schrecken bei dem Gedanken an den Umgang mit Aggression jeglicher Ausprägung zurück. Sie können nicht verstehen, wie man jemals freiwillig mit einem Hund arbeiten kann, der beißen könnte! Das ist absolut verständlich. Hundebisse tun weh und aggressives Verhalten kann beängstigend sein. Ich kenne viele Trainer, die keine Hunde mit Aggressionsproblemen annehmen, auch nicht vorhaben, es je zu tun und deren Unternehmen trotzdem floriert und ihnen Zufriedenheit verschafft.

Und dann gibt es noch die Trainer, die sich irgendwie im Schwebezustand befinden: Sie würden gerne mit Aggressionsproblemen zu arbeiten beginnen, sind aber nicht ganz sicher, wie sie das angehen sollen. Vielleicht sind auch Sie derzeit in der Lage, dass Sie zwar wie viele andere Trainer auch die Kunst beherrschen, Hund und Halter zum Grundgehorsam zu verhelfen und Sie arbeiten auch mit Verhaltensproblemen, haben aber bisher keine Erfahrung mit Hunden, die aggressives Verhalten zeigen.

Ohne ein Praktikum bei einem anderen Trainer oder wenigstens die Möglichkeit zum Zuschauen bei solchen Trainingsstunden kann ein Vorankommen schwierig sein. Und noch schwieriger wird es Ihnen fallen, herauszufinden, wie man eine solche Trainingsstunde aufbaut und durchführt. Ich erinnere mich, dass ich am Anfang meiner Trainerlaufbahn schon allein darüber staunte, wie zum Kuckuck sich ein Trainer mit einem gegen Menschen aggressiven Hund auch nur in einem Raum befinden konnte – geschweige denn, ihn zu trainieren!

Jetzt sind es schon über fünfzehn Jahre, die ich mit aggressiven Hunden arbeite. Darunter gab es viele, die aggressiv gegen fremde Hunde waren (obwohl sich einige eher als das herausstellten, was ich als »Hunde-Widerlinge« bezeichnen würde – sie waren eher rüpelige Grobiane als dass wirklich eine Gefahr von ihnen ausging). Andere zeigten »Besitzaggressionen« – sie bewachten und verteidigten Ressourcen, wie für sie wertvolle Sachen, Plätze oder sogar Familienmitglieder. In den meisten Fällen, mit denen ich zu tun habe, ergibt es sich, dass die Hunde auch Aggressionen gegen Menschen zeigen. Die Bandbreite reichte von unausgeglichenen Halbwüchsigen, die ihr neues Draufgängertum testeten, bis hin zu selbstsicheren Erwachsenen, die vielen Menschen viele Wunden zugefügt hatten.

Falls Sie noch unentschlossen sind, ob Sie gerne mit aggressiven Hunden arbeiten möchten, falls Sie bereits die Entscheidung getroffen haben und nicht ganz sicher sind, wie Sie anfangen sollen oder falls Sie schon Erfahrungen im Umgang mit Aggressionsproblemen haben – in jedem dieser Fälle wird dieses Buch Ihnen sehr hilfreich sein. Wir werden mit einer Erörterung der Definition der Stufen und Typen von Aggressionsverhalten beginnen. Als Nächstes werden wir die Themen der Haftung, Versicherung und der persönlichen Sicherheit während des Trainings untersuchen. Dann werden wir zum tatsächlichen Fallmanagement weitergehen, das es Ihnen ermöglichen wird, die Aggressionsprobleme in den Griff zu bekommen: Spezielle Trainingsausrüstung, das Geheimnis des gründlichen Erfassens der Vorgeschichte und wie Sie die Trainingsstunde strukturieren. Sie werden spezielle Fragebögen zu den einzelnen Arten der Aggression finden und einen eher allgemeingültigen zur Erfassung der Vorgeschichte. Es werden Fragen aufgeführt, die Sie Ihren existierenden Verhaltensfragebögen hinzufügen können, Sie erhalten ein Muster für Übergabeschreiben an den Tierarzt, Überlegungen, die Ihnen festzulegen helfen, ob Ihr Haftungsausschluss auch wirklich unangreifbar ist sowie wertvolle Tipps, wie Sie effektiver mit Hund und Kunden umgehen können.

Sie werden direkte und konkrete Antworten auf Fragen bekommen, wie sie die meisten Trainer haben – zum Beispiel, wie und wann sie die Abgabe oder das Einschläfern eines Hundes empfehlen sollen, wie sie mit reaktiven Hunden im Gruppentraining umgehen und was sie tun können, wenn sie während des Trainings gebissen werden.

Ein ganzes Kapitel handelt nur davon, wie Sie einen Hundekampf unterbrechen. Außerdem werden Sie durch das ganze Buch hindurch immer wieder Geschichten aus meiner eigenen Praxis lesen.

Ihr Mitgefühl und Ihr Wunsch, Hunden mit Aggressionsproblemen zu helfen, wird in Kombination mit dem Wissen, das Sie hier erwerben, ganz bestimmt dazu führen, dass Sie das Leben unzähliger Hunde und Menschen positiv verändern werden.

Susan klingt erschöpft. Sie ruft an, sagt sie, weil sie wirklich am Ende ihrer Kräfte ist:

»Jasper ist völlig außer Kontrolle. Er ist richtig aggressiv!«

»Können Sie erklären, was Sie mit ‘aggressiv’ meinen?« antworte ich.

»Was macht Jasper genau?«

»Also, er springt die Kinder an und packt sie an den Kleidern. Wenn mein Zweijähriger Essen in der Hand hat, springt Jasper ihn an und reißt es ihm weg.«

Zum Schluss betont Susan nochmals: »Er ist erst sechs Monate alt, aber er ist wirklich aggressiv!«

Nun ist es zwar richtig, dass Jaspers Verhalten schwierig ist und damit zu leben ist wahrscheinlich nicht besonders lustig, aber es ist weit davon entfernt, aggressiv zu sein. Susans Beschreibung ist vielmehr ziemlich typisch für einen »selektiv hörenden« Halbstarken, dem Grenzen, anständige Manieren und vielleicht ausreichende Bewegung, mentale Beschäftigung sowie eine klare Führung fehlen. Es verwundert nicht, dass Jasper durch reinen Körpereinsatz zu bekommen versucht, was er gerne haben möchte; denn er hat damit Erfolg. Wichtig ist aber die Unterscheidung: Jaspers Betragen mag widerlich sein, aber es ist nicht aggressiv.

*~*~*~*~*~*~*~*~*~

Ein örtlicher Tierschutzverein vermittelte kürzlich Jojo, einen zweijährigen Labrador-Retriever-Mix an die Ersthundehalter Claire und Andy. Das Paar dachte, ein freundlicher Hundekumpel müsste genau das Richtige sein, um dem vierjährigen Robby zu helfen, seine Angst vor Hunden zu überwinden. Dummerweise biss Jojo Robby in der ersten Woche so ins Bein, dass die Haut verletzt wurde und versetzte ihn in große Angst. Außerdem biss er auch noch Andy und hierließ lange, hässliche Blutergüsse an seinem Unterarm. Die ganze Familie, so vertraute Claire mir am Telefon an, hatte Angst vor dem Hund. Nach einer langen Diskussion riet ich Claire, dass sie zwar gerne meine Dienste für eine Beurteilung von Jojo in Anspruch nehmen könne, sie aber besser beraten sei, ihn umgehend zum Tierheim zurückzubringen, weil Sicherheit und seelisches Wohlergehen ihres Kindes doch an erster Stelle stünden. Claire stimmte zu. Als sie aber das Tierheim über ihr Vorhaben informierte, überredete man sie, dass man den eigenen Trainer zu ihr herausschicken würde. Jojo, so erklärte man ihr, sei überhaupt nicht aggressiv, sondern brauche einfach nur Training.

Nach dem Besuch des Trainers rief Claire mich an. Sie war offenbar außer sich. Der Trainer hatte ihr mitgeteilt, dass der Hund »stur« und »psychisch manipulativ« sei und gebrauchte noch eine Anzahl weiterer Adjektive, die besser zur Beschreibung eines menschlichen Wesens gepasst hätten. Man sagte ihr unmissverständlich: »Solange ein Hund keine blutenden Wunden verursacht, ist er nicht aggressiv.« Glücklicherweise konnte Claire den Tierschutzverein letztendlich doch davon überzeugen, Jojo zurückzunehmen.

*~*~*~*~*~*~*~*~*~

Was die an beiden Geschichten beteiligten Parteien gemeinsam haben, ist eine unrealistische Sichtweise dessen, was der Begriff »Aggression« bedeutet. Ganz einfach ausgedrückt ist Aggression die Absicht, Schaden zuzufügen. Ein Hund, der sich auf eine Person stürzt, welche den Garten betritt und seine Zähne wiederholt in deren Beine versenkt, zeigt ziemlich sicher Aggression, höchstwahrscheinlich solche territorialer Art.

Ein Hund dagegen, der Kinder während des Spiels über den Haufen rennt, Besucher anspringt, zwickt, wenn er aufgeregt ist oder mit anderen Hunden übertrieben grob rangelt, braucht sicherlich dringend Training – aber sein Verhalten ist nicht aggressiv.

Es gibt hin und wieder Hunde, deren Verhalten jeder sachkundige Trainer als massive Aggressionsprobleme einordnen würde. Wenn Spike die letzten fünf Leute, die durch die Haustür kamen, gebissen hat, gibt es nichts daran zu deuten, dass da ein ernsthaftes Problem vorliegt. Aber nicht immer ist die Lage so eindeutig. Nehmen wir zum Beispiel an, Buddy hat zwei andere Hunde im Park gebissen. Nun könnte man versucht sein, Buddy als »aggressiv« zu bezeichnen. Aber was, wenn ich Ihnen sage, dass jeder dieser Bisse dadurch ausgelöst wurde, dass der andere Hund Buddy jeweils bedroht hat? Und Buddy zu der Zeit an der Leine war, also keine Möglichkeit zum Ausweichen hatte? Das ändert das Bild bestimmt, oder?

Wenn Fifi im Alltagsleben der Inbegriff einer hündischen Miss Charming ist, aber beim Impftermin jedes Mal nach der Tierarzthelferin schnappt, ist sie dann ein »aggressiver« Hund? Die Tierarzthelferin könnte das meinen, aber sie sieht Fifi nur in einer einzigen Situation. Es besteht ein Unterschied zwischen der Feststellung, dass ein Hund in bestimmten Situationen aggressives Verhalten zeigt oder sogar »aggressive Tendenzen« hat und der Titulierung des Hundes als »aggressiv«. Letzteres sollte vermieden werden.

Lassen Sie uns ein Beispiel aus dem menschlichen Bereich betrachten. Stellen Sie sich einen Tag vor, an dem Sie nicht auf der Höhe sind. Vielleicht hatten Sie einen langen, frustrierenden Vormittag auf der Arbeit, fühlen sich nicht gut und sind einfach griesgrämig. Das Ergebnis ist, dass Sie einen Wutanfall bekommen, nachdem Sie in Ihrer Mittagspause dreißig Minuten lang in einer Warteschlange anstehen mussten, um beim Kundenservice eines Ladens einen gekauften Artikel umzutauschen. Der arme Mann, der einen anständigen Tag hatte, bis seine harmlose Frage nach Ihrem Problem in einem Hagelschauer von verbalen Geschossen endete, bildet sich eine augenblickliche Meinung von Ihnen – Sie sind eine notorische Zicke.

Er sieht Sie als jemanden, der zum Jähzorn neigt und mit dem er in Zukunft lieber nichts mehr zu tun haben möchte. Auf Grundlage dieser einen Begegnung wurden Sie in die Schublade eines speziellen Menschentyps gesteckt. Nun wissen Sie und ich, dass Sie an den meisten Tagen eine vollkommen nette, sympathische Person sind. Aber an diesem einen Tag haben Sie sich deutlich unangenehmer benommen. War die Schublade, in die man Sie gesteckt hat, gerecht und allgemein zutreffend?

Wann immer Sie in diesem Buch die Bezeichnung »aggressiv«, »reaktiv« (auf etwas mit Bellen, Losstürzen oder anderen Zeichen von Drohverhalten reagieren, aber nicht beißen), oder »angstreaktiv« (das reaktive Verhalten basiert auf Angst) lesen, ist damit das Verhalten eines Hundes in einer bestimmten Situation gemeint, nicht das Wesen des Hundes im allgemeinen. Es kann gut sein, dass der fragliche Hund einer ist, den Trainer als »aggressiv« einschätzen würden. Aber eine Diskussion des Verhaltens in einem speziellen Zusammenhang ist sowohl wissenschaftlich korrekter als auch konstruktiver als eine großzügige Verallgemeinerung.

Aggressionsverhalten mit präzisen Bezeichnungen zu beschreiben ist besonders wichtig, wenn Sie mit Kunden sprechen. Anteilnahme ist wichtig, aber Sie müssen auch eindeutig den Ernst des Problems ansprechen. Es ist nicht nötig, hier politisch korrekt zu sein: »Es tut mir leid, gnädige Frau, aber Ihr Hund scheint mir freundlichkeits-behindert zu sein!« Wenn ein Hund wirklich gefährlich ist, müssen Sie es auch so sagen.

Seien Sie vorsichtig, einen Hund, der unter bestimmten Umständen aggressives Verhalten zeigt, als auf der ganzen Linie aggressiv zu bezeichnen. Das zu tun würde dem Besitzer, der mit dem Verhalten seines Hundes ohnehin schon gestresst ist, nur einen Grund mehr geben, ihn in schlechtem Licht zu betrachten – und das wiederum könnte ein Verhalten von Seiten des Besitzers bedingen, welches das Problem weiter verschlimmert.

Stellen Sie sich vor, Lisa bittet um Ihre Dienste, weil Hutch, ihr einjähriger Border Collie-Mix, einen anderen Hund gebissen hat. Es ist das erste Mal, dass er je Mensch oder Hund gebissen hat. Sie machen einen Hausbesuch und erklären Lisa, Hutch sei aggressiv gegen andere Hunde. Als Ergebnis Ihrer Aussage wird Lisa nun bei jedem Auftauchen anderer Hunde nervös werden; denn immerhin wurde sie von einem Profi unterrichtet, dass ihr Hund aggressiv ist. Sie nimmt an, dass Hutch all die Wesenszüge trägt, die ihrer Meinung nach mit Bezeichnungen wie »man kann ihm nicht trauen«, »unberechenbar«, »gefährlich« und so weiter einhergehen. Die nervöse Stimmung seiner Besitzerin in Gegenwart anderer Hunde wiederum macht Hutch nervöser, was weitere Probleme nach sich zieht.

Nun stellen Sie sich stattdessen vor, Sie würden Lisa erklären, dass Hutch ein süßer, intelligenter, liebenswürdiger Hund ist. Dieser eine Vorfall, der sicherlich ernst genommen und im Hinterkopf behalten werden muss, macht aus Hutch nicht einen insgesamt »bösen Hund«. Sie werden zusammenarbeiten, um herauszufinden, was sein Verhalten auslöst und darauf achten, dass anderen Hunden nichts passieren kann, während Sie die Lösung des Problems in Angriff nehmen. Jetzt werden Sie eine Besitzerin mit einer vollkommen anderen Sichtweise haben. Lisas positive Gefühle zu Hutch bleiben unverändert und sie ist optimistisch, dass das Verhalten geändert werden kann.

Das Untersuchen und Behandeln von Aggressionen bei Hunden ist sowohl eine Kunst als auch eine Wissenschaft. Die Kunst, intuitiv zu erkennen, welche Methode oder Therapie bei einem bestimmten Hund gut funktionieren wird, entwickelt sich durch Erfahrung. Wir werden nun als Nächstes den wissenschaftlichen Aspekt ansprechen, der mit der Definition und Kategorisierung von Aggressionensverhalten beginnt.

In vielen Fällen ist es eindeutig, ob ein Hund Schaden zu verursachen beabsichtigt oder nicht. Allerdings findet das Zeigen von Aggressionsverhalten nicht immer in der gleichen Stärke und Absicht statt, sondern ist in eine Skala der Möglichkeiten einzuordnen. Am schwächsten Ende dieser Skala hat der Hund vielleicht einen starrenden Blick, die Nackenhaare richten sich auf, er zeigt die Zähne, knurrt oder schnappt in die Luft. Diese Signale sind eher Warnungen, dass ein Biss folgen könnte, als aggressive Handlungen selbst. Bei genauer Betrachtung dienen diese Handlungen sogar dazu, Aggressionen zu vermeiden. Wenn ein Kind sich einem Hund nähert, der Futter bewacht, knurrt der Hund und das Kind weicht zurück – der Biss ist vermieden worden. Wenn ein Hund steif wird, seinen Kopf senkt und einen anderen Hund anstarrt, ist das eine Warnung, dass der andere zurückgehen soll. Diese Körperhaltung ist Kommunikation und kein gewalttätiger Akt.

Weiter auf der Skala finden wir Hunde, deren Zähne in Kontakt mit der Haut von Menschen oder Hunden kommen. In der mildesten Ausprägung handelt es sich um eine probeweise Annäherung, bei der der Hund heranschießt, die Haut des anderen berührt und sich wieder zurückzieht. Dieses Verhalten kann ein Zwicken oder einen Stoß mit dem Fang beinhalten. Ein Stoß mit geschlossenem Fang weist oft auf ein testendes Verhalten hin. Wenn ein Biss zugefügt wird, verletzt er nicht die Haut, obwohl er trotzdem weh tun kann. Dieser Typ von Biss wird häufig von heranwachsenden Hunden gezeigt, die gerade Selbstvertrauen erlangen und ihre Kraft testen.

Wir sehen diese Art von Verhalten auch bei ängstlichen Hunden als Versuch, den Abstand zwischen sich und dem Hund oder der Person, von der sie sich bedroht fühlen, zu vergrößern. Wenn der Hund lernt, dass diese Technik funktioniert, können mit der Zeit immer selbstsicherer werdende Bisse das Ergebnis sein. Der schnelle, eher zaghaft-probeweise Biss ist meistens der eines Hundes, der keine umfangreiche Vorgeschichte in Sachen Beißen hat. Auf dieser Stufe hat der Biss nicht so sehr die Absicht, dem anderen Schaden zuzufügen, als ihn zum Weggehen zu veranlassen.

Jeder Hund kann beißen, wenn er sich nur genug bedroht fühlt.

Kommen wir nun zu den selbstbewussteren Bissen. Der Hund, der sich auf einen anderen Hund oder eine Person stürzt und in einer selbstsicheren Art und Weise beißt, hat ziemlich wahrscheinlich Übung darin. Der selbstsichere Biss kann gezeigt werden, wenn ein Fremder das Heim oder den Garten betritt, wenn jemand dem Hund etwas wegzunehmen versucht, wenn ihm ein anderer Hund begegnet oder unter einer Vielzahl anderer Umstände. Dieser Typ von Biss hat die Absicht, eine Nachricht zu übermitteln! Und es kann sein, dass diese Nachricht in Form von Blutergüssen oder Zahnabdrücken auf der Haut lesbar wird. Auf dieser Stufe beißt der Hund und lässt dann wieder los. Dem Biss kann eine Warnung vorausgegangen sein, muss aber nicht. Wenn der Hund in der Vergangenheit für Knurren bestraft wurde, kann es sein, dass er nun beißt, ohne überhaupt eine Warnung zu geben.

Wenn wir nun die Grenze von einem Biss zu einem echten Angriff überschreiten, finden wir tiefere und mehrfache Bisse vor. Dieses Verhalten fällt in die Kategorie schwerer Aggression und sollte äußerst ernst genommen werden. Es ist eine Sache, wenn ein Hund leicht zwickt und wieder loslässt, um sein Missfallen über das Krallenschneiden auszudrücken, aber eine völlig andere, sich im Arm des Krallenschneiders festzubeißen und eine Wunde mit vielen Löchern zu hinterlassen.

Noch ernsthafter ist das Verhalten eines Hundes, der seine Zähne tief ins Fleisch schlägt, festhält und zu schütteln beginnt anstatt loszulassen – so, wie ein Hund ein Beutetier schütteln würde, um es zu töten. Glücklicherweise liegt der Großteil der Aggressionsfälle, zu denen Trainer gerufen werden, nicht an diesem extremen Ende des Spektrums.

Eine Studie aus dem Jahr 1991 besagt, dass Rüden mit 6,2 Mal höherer Wahrscheinlichkeit beißen als Hündinnen.1 Rüden kämpfen eher mit anderen Rüden und Hündinnen eher mit anderen Hündinnen. Die Wahrscheinlichkeit für Aggression ist unter gleichgeschlechtlichen Geschwistern am höchsten.

Der bekannte Autor, Tierarzt und Verhaltensforscher Ian Dunbar hat eine Tabelle für die Beurteilung der Schwere eines Bisses entwickelt. Sie ist ein nützliches Hilfsmittel zur Einstufung in »Beißgrade« und ermöglicht es, mit anderen Trainern über das Thema »Aggression« in einheitlichen Begriffen zu diskutieren und so Missverständnisse auszuschalten.

Grad Eins:

Bellen, Draufstürzen, in die Luft schnappen. Keine Zähne berühren die Haut.

Grad Zwei:

Zähne berühren die Haut, mögliche Kratzer oder Striemen, aber keine Punktierung der Haut.

Grad Drei:

Ein bis vier Löcher in der Haut von einem einzigen Biss. Alle Löcher kleiner als die halbe Länge eines Hundezahns; manchmal ist die Haut ein wenig verletzt.

Grad Vier:

Ein bis vier Löcher, die tiefer sind als die halbe Länge eines Hundezahns (Hund hat gebissen und festgedrückt); mögliche schwarze Blutergüsse innerhalb 24 Stunden; und/oder Risse in beide Richtungen (Hund hat gebissen und seinen Kopf geschüttelt).

Grad Fünf:

Mehrere Bisse mit tiefen Löchern oder mehrere Angriffe. Risse in beide Richtungen, große Menge Fleisch beschädigt. (Das ist die Art von Bissen, die Leute ins Krankenhaus bringen oder manchmal töten.)

Grad Sechs:

Getötetes Opfer und/oder gefressenes Fleisch.

Grad Eins und Zwei werden unglücklicherweise oft ignoriert, bis ein ernsthafterer Vorfall passiert. Es sollte ebenfalls beachtet werden, dass ein Grad Zwei-Biss, obwohl er eigentlich nicht die Haut durchbohrt, trotzdem Schaden anrichten kann. Hundekiefer sind unglaublich stark (ein durchschnittlicher Deutscher Schäferhund übt 340 Kilo Kraft auf einem Quadratzentimeter aus) und können leicht das Gewebe verletzen oder Blutergüsse verursachen, ohne jemals die Haut zu durchstoßen. Mit Grad Eins- und leichten Grad Zwei-Beißfällen ist aber relativ sicher zu arbeiten und sie haben normalerweise eine gute Prognose.

Viele Tierschutzvereine und Tierheime geben keine Hunde mit einer Grad Drei-Beißvorgeschichte oder höher ab oder vermitteln sie nicht in Familien mit kleinen Kindern – und das ist richtig so. Wenn ein Hund Bisse von Grad Drei oder höher in einer häuslichen Umgebung zeigt, sind seine Handlungen für die Familie gewöhnlich störend genug, um einen Trainer zu rufen. Sie sollten Grad Drei-Bisse nur annehmen, wenn Sie die nötige Erfahrung und Sachkenntnis haben und der Besitzer bedingungslos mitarbeitet.

Grad Vier-Bisse sind sehr gefährlich und intensiv und sollten als solche behandelt werden. Hunden in dieser Kategorie fehlt entweder ernsthaft die Beißhemmung oder sie sind, was wahrscheinlicher ist, selbstbewusste und erfahrene Beißer. Einige Trainer nehmen Fälle an, die Grad Vier- und sogar Grad Fünf-Bisse beinhalten.

In die Kategorie von Grad Fünf-Beißern fallen Hunde, die mehreren Menschen oder Hunden Bisse mit mehrfachen Punktionswunden zugefügt haben. Diese Bisse bedeuten ganz klar ein ernsthafteres Problem als einen Mangel an Beißhemmung. Es erübrigt sich zu sagen, dass die Vorsichtsmaßregeln für die Arbeit mit Grad Drei-Beißern auch hier gelten. Auf dieser Stufe sollten Sie sich bewusst sein, dass Ihre Besprechung mit dem Kunden vielleicht die Thematik der Abgabe des Hundes und/oder des Einschläferns beinhaltet.

Hunde, die Grad Sechs-Bisse anwenden, werden fast immer eingeschläfert, weil sie eine ernsthafte und potenziell tödliche Gefahr darstellen. Das sind die Hunde, von denen Sie in den Nachrichten hören, dass sie ein Kind oder manchmal einen Erwachsenen zerfleischt haben und deretwegen Verhaltensforscher zur Abgabe von Gutachten vor Gericht gerufen werden. Nochmals: Die Chance, dass Sie in der Praxis diesem Grad der Aggression begegnen, ist sehr gering.

1 Gersham KA, Sacks JJ, Wright JC. Which dogs bite? A case-control study of risk factors.

Pediatrics 1994; 93:913-917. (Welche Hund beißen? Eine Fallstudie der Risikofaktoren)

Die meisten Manifestationen von Aggression können als entweder offensiv oder defensiv beschrieben werden. Zeigen von defensivem Aggressionsverhalten ist das Resultat dessen, dass sich der Hund bedroht fühlt. So kann zum Beispiel ein Hund, der vom Trainer wiederholt groben Rucken an einem Kettenhalsband ausgesetzt wird, letzten Endes beißen. Ein anderes Beispiel wäre ein Hund, der beißt, wenn jemand nach ihm greift, um ihn auf seinem arthritischen, schmerzenden Rücken zu streicheln. Bei defensiver Aggression hat der Hund wirklich das Gefühl, dass er keine andere Wahl hat: Es handelt sich hier um den altbekannten Kampf-oder-Flucht Instinkt, und in diesem Fall wird eben die Kampf-Reaktion aktiviert. Bei offensiver Aggression übernimmt der Hund die Führung. Zum Beispiel kann ein territorial veranlagter Hund durch den Garten rennen, am Zaun hochspringen und einen Fremden beißen, der das Grundstück zu betreten versucht. Ein Hund, der losrennt und andere Hunde angreift, ohne dass er von ihnen provoziert wurde, demonstriert ebenfalls offensive Aggression.

Weiter unten werden häufige Arten der Aggression aufgelistet, denen Sie vermutlich begegnen werden. Manche, so wie Hund-zu-Hund und Hund-zu-Mensch-Aggression, können entweder offensiv oder defensiv sein. Andere, wie Beuteaggression und Territorialaggression, sind immer offensiv. Probleme mit dem Anfassenlassen und medizinische Probleme sind normalerweise defensiv.

Hund-zu-Hund -Aggression: Kann gegen alle anderen Hunde gerichtet sein, nur gegen unbekannte Hunde oder gegen einen anderen Hund im gleichen Haushalt.

Aggression gegen Menschen: Kann gegen einen oder mehrere Familienmitglieder gerichtet sein (manchmal »Dominanzaggression« genannt) oder gegen unbekannte Menschen.

Ressourcenbewachen: Eifriges Bewachen von Futter, Leckerli, Spielzeug, Plätzen, Menschen oder einfach allem – von manchen Hunden wird sogar berichtet, dass sie so belanglose Dinge wie Fusseln bewachen!

Territorialaggression:Dies ist eigentlich eine Form der Ressourcenbewachung, weil der Hund das verteidigt, was er als seins wahrnimmt. Hunde können territorial über den Garten, das Haus, die Gegend vor dem Haus oder einen bekannten Spazierweg wachen.

Beuteaggression: Der Jagdtrieb, der instinktiv in jedem Hund verankert ist, kann problematisch werden, wenn das Endresultat Schaden an einem anderen Tier oder einer Person bedeutet. Zum Beispiel jagen viele Hunde Katzen und verletzten sie.

Probleme mit dem Anfassenlassen:Hierunter können Krallenschneiden, Baden oder Bürsten gehören, gestreichelt oder in einer bestimmten Art und Weise angefasst zu werden oder an einem bestimmten Teil des Körpers angefasst zu werden (ein Warnsignal dafür, dass der Hund Schmerzen haben könnte), hochgehoben oder bewegt zu werden.

Umgerichtete Aggression:Dieses Verhalten kann auftreten, wenn der Hund in aufgeregter Verfassung ist. Obwohl sich seine Aggression gegen einen anderen Hund oder eine andere Person richtet, »dreht er um« und beißt stattdessen die Person in der Nähe (gewöhnlich den Besitzer). Umgerichtete Aggression ist beim Trennen kämpfender Hunde verbreitet: Die Hunde sind so in Rage, dass sie die intervenierende Hand oder den Körperteil als Eingriff sehen und nach ihr schnappen. Hunde können auch gegenseitig das Ziel umgerichteter Aggression sein. Zum Beispiel bellen zwei Hunde, die im Garten zusammen einen Maschendrahtzaun entlangrennen, einen Hund auf der anderen Seite an. Dabei können sie sich so aufregen, dass sie ihre Aggression gegeneinander richten. Zwei Hunde, die gemeinsam spazieren gehen, können so aufgeregt sein, dass sie, wenn sie einen anderen Hund erblicken und dabei an der Leine zurückgehalten werden, reaktiv gegeneinander werden (ein hervorragendes Argument gegen den Gebrauch von Koppeln-Produkten, die das gleichzeitige Anleinen von zwei Hunden gemeinsam an einer Leine ermöglichen).

Medizinisch bedingte Aggression:Diese Kategorie deckt alle Erkrankungen, Verletzungen, Krankheiten oder andere medizinische Leiden ab, die Ursache dafür sind, dass sich ein Hund unwohl fühlt und deshalb in aggressiver Art und Weise handelt.

Die Trainerin Sue Sternberg hat ausgeführt, dass Aggression normalerweise unter zwei häufigen Umständen passiert: Wenn ein Hund daran gehindert wird, etwas zu tun oder wenn der Besitzer versucht, den Hund zu etwas zu bringen, was er nicht tun möchte. Dem stimme ich voll und ganz zu. Zum Beispiel habe ich von vielen Besitzern gehört, die gebissen wurden, als sie versuchten, den Hund in ein Fahrzeug oder eine Box zu verladen, in das er offensichtlich nicht gehen wollte. Sie werden feststellen, dass viele Aggressionsfälle, die Sie behandeln, in eine von Sternbergs Kategorien fallen werden, genauso wie in eine oder mehr Klassifizierungen, die Sie in diesem Kapitel gefunden haben.

Ich bekam kürzlich die Anfrage einer in meiner Gegend neuen Trainerin, ob wir uns zum Mittagessen treffen könnten. Wenn ich »neu« sage meine ich nicht, dass sie neu in der Gegend war, sondern neu im Hundetraining. Cindy hatte ihre eigenen Hunde trainiert sowie ein paar Hunde ihrer Freunde und machte nun Werbung für sich als professionelle Trainerin. Nun, Sie würden kein Schild heraushängen, dass Sie Lehrerin sind, wenn Ihre Erfahrung darin besteht, Ihre eigenen und ein oder zwei Kinder Ihrer Freunde unterrichtet zu haben. Im Hundetraining sollte das nicht anders sein. Trotz meiner Überzeugung, dass Trainer belesen sein und praktische Erfahrungen haben sollten (und vorzugsweise außerdem bei einem anderen Trainer gearbeitet haben sollten), bevor sie ein Gewerbe anmelden, stimmte ich einem Treffen zu.

Nach dem Essen merkte Cindy an, dass sie für die folgende Woche einen Termin für eine Verhaltensberatung mit einer Frau geplant hatte, deren Hund aggressiv war. Ich war mehr als nur ein wenig erstaunt, dass jemand, der gerade erst mit dem Training begonnen hatte, einen Fall annehmen wollte, bei dem Aggressionsverhalten im Spiel ist und sagte das auch höflich. Zu allem Überfluss war es auch kein einfacher Fall, sondern eine Situation, in der sich zwei Hündinnen gleichen Alters im gleichen Haushalt nicht miteinander vertrugen. Cindy schien nicht zu wissen, dass Aggressionen von Hündin zu Hündin, insbesondere zwischen zwei Hündinnen des gleichen Alters, eine äußerst ernsthafte Situation sind. Ungeachtet meiner vorsichtigen Überredungsversuche, die Frau doch an jemanden mit mehr Erfahrung zu verweisen und das Training selbst vielleicht nur als Lernerfahrung zu beobachten, bestand sie darauf, die Frau selbst zu treffen.

Nach dem Termin meldete sich Cindy wieder bei mir, um mir zu berichten. Sie hatte fast zwei Stunden mit der Frau verbracht. Ich fragte, wie das Training gelaufen war und was sie erreicht hatte. »Also«, kündigte sie stolz an, »der eine Hund zieht nicht mehr an der Leine. Es ist kein Zeichen für gute Führung, den Hund vor sich laufen zu lassen.« Als ich fragte, was das mit dem Aggressionsproblem im Haus zu tun hätte, wusste sie keine Antwort. Als ihr klar wurde, dass sie nicht wusste, wie sie das vorliegende Aggressionsproblem angehen sollte, hatte sie die Frau an mich verwiesen, wie sie schließlich zugab.

Bedauerlicherweise rief diese Frau niemals an. Meine Vermutung ist, dass sie keinen neuen Trainer anrufen wollte, weil sie gerade erst ziemlich viel Geld ausgegeben hatte (Cindy berechnete Höchstpreise). Die unglückliche Kombination eines sehr ernsten Verhaltensproblems und einem unerfahrenen Trainer, der nicht zu helfen in der Lage war, konnte in der Tat über Leben oder Tod eines dieser Hunde entschieden haben. Nach allem, was ich weiß, war es auch so. Wenn Sie Aggressionsfälle annehmen, für die Sie nicht gerüstet sind, lässt das nicht nur Sie in schlechtem Licht dastehen. Es kann einen gewaltigen Einfluss auf die Chancen des Hundes haben, sein Zuhause zu behalten – und manchmal auf sein Überleben.

Die Entscheidung, welche Fälle Sie annehmen, sollte auf Ihrem Wissen basieren, wie wohl Sie sich dabei fühlen, mit dieser speziellen Form der Aggression umzugehen und auf der Intensität des Verhaltens. Wenn Sie sich mit der Arbeit an Hunden, die schwache Ressourcenbewachung zeigen, sicher fühlen, nicht aber an solchen, die Menschen beißen, nehmen Sie das als Ausgangspunkt: Nehmen Sie die Fälle von Ressourcenbewachung an und geben Sie die anderen weiter. Einen Kunden an einen anderen Profi zu verweisen ist kein Eingeständnis des eigenen Versagens! Im Gegenteil, zu sagen, dass ein Problem außerhalb Ihrer Kompetenz liegt, ist ein Zeichen von Professionalität und gesundem ethischem Empfinden.

Wenn Sie einen anderen Trainer kennen, der kompetent im Umgang mit Aggressionsproblemen ist, dann überweisen Sie ihm oder ihr den Fall. Wenn Sie mehr über diesen Typ der Aggression lernen möchten, fragen Sie, ob Sie mitgehen dürfen, um die Trainingsstunde zu beobachten. Wenn das Problem eins ist, bei dem Sie das Gefühl haben, dass es nach medizinischer Hilfe verlangt oder außerhalb der Fachkenntnis Ihrer Kollegen liegt, dann überweisen Sie den Fall an einen Fachtierarzt für Verhaltenskunde. Fachtierärzte für Verhaltenskunde sind nicht gerade im Überfluss vorhanden, aber es gibt auch welche, die mit Ihrem Kunden auf Entfernung oder über deren Haustierarzt arbeiten. Ein anderer Typ Profi, an den Sie überweisen können, ist der geprüfte Tierverhaltenstherapeut (siehe Ressourcen).

Wo wir gerade vom »Verhaltenstherapeuten« sprechen: Einige Trainer benutzen diesen Titel, wenn sie ihre Leistung anbieten. Obwohl es kein Gesetz dagegen gibt, dass ein Trainer als »Verhaltenstherapeut« werben darf, ist die Verwendung dieser Bezeichnung nicht empfehlenswert. Wenn es einmal zu einem Gerichtsverfahren kommen sollte und Sie sich zuvor als Verhaltenstherapeut angepriesen hatten, wird von Ihnen erwartet, dass Sie die Aufgabe auf dem gleichen Niveau erledigen wie jemand, der wirklich diese Berufsbezeichnung hat. Bis Sie eine Qualifikation haben, nennen Sie sich stattdessen lieber Verhaltenspezialist oder Verhaltensberater, wenn Sie damit werben wollen, dass Sie Verhaltensprobleme behandeln.

Einen Fall während einer ersten telefonischen Anfrage weiterzuverweisen ist einfach, aber was ist, wenn Sie bereits mitten in der Trainingsstunde sind und feststellen, dass der Hund aggressiver ist, als ursprünglich gedacht? Wenn das Verhalten intensiver ist als eines, mit dem Sie sicher umgehen können, können Sie den Fall immer noch an jemand anderen abgeben.

Ganz früh in meiner Laufbahn ging ich einmal zu einem neuen Kunden mit einer erwachsenen Rhodesian Ridgeback-Hündin. Das Problem, weshalb er mich gerufen hatte, hatte weder etwas mit Aggression zu tun noch wurde das Thema Aggression irgendwie erwähnt. Als der Besitzer und ich in seiner Küche standen, wedelte die braune 35+ Kilo Hündin mit der Rute und akzeptierte mein Streicheln mit netter, lockerer Körpersprache, agierte herzlich und freundlich. Sekunden später fuhr sie herum und schlug ihre Zähne in meinen Unterarm. (Wenn Sie schon gebissen werden, warum dann nicht von einer Rasse, die dafür geschaffen ist, im Alleingang einen Löwen zu erledigen!) Nun ist es ja so: Wenn jemand sagt, der Hund habe »ohne Warnung« gebissen, ist die Realität normalerweise, dass die betreffende Person die subtilen Warnsignale des Hunde verpasst hat. Obwohl ich an diesem Punkt noch nicht sehr viel professionelles Hundetraining gemacht hatte, hatte ich umfangreiche Erfahrungen im Lesen der hündischen Körpersprache – ich hatte viel mit Wölfen und Wolfshunden aus dem Tierschutz gearbeitet, die großartige Lehrer der Körpersprache sind – und ich hatte meine eigenen Bewegungen extrem vorsichtig kontrolliert. Ich hatte weder plötzliche Gesten gemacht noch meine Hand zu einer anderen Stelle ihres Körpers bewegt (die vielleicht empfindlich hätte gewesen sein können). Bis zu diesem Tag war dieser Ridgeback einer der wenigen Hunde, die ich je gesehen habe, die wirklich absolut keine Warnsignale gegeben hatten.

Der Biss hatte meinen Stolz mehr verletzt als meinen Arm. Ich war erschüttert und sagte dem Mann sofort, dass dieser Fall außerhalb meiner Kompetenz läge und ich ihn an einen anderen Trainer verweisen würde. Er überzeugte mich, mich doch hinzusetzen und ein paar Minuten mit ihm zu unterhalten, woraufhin ich feststellte, dass die Hündin in der Vergangenheit schon mehrfach ungewöhnlich sprunghaftes Verhalten gezeigt hatte, versuchte und tatsächliche Bisse inklusive, und außerdem unter medizinischen Problemen litt. Und sie war gerade läufig geworden, was vermutlich auch nicht gerade von Nutzen war. Ich fühlte mich wegen des gesamten Vorfalls betreten, obwohl es gar nicht mein Fehler gewesen war. Ich tat genau das Richtige damit, den Fall weiterzuverweisen. Auch aus der Rückschau von mehr als fünfzehn Jahren war dies kein einfacher Fall, selbst für einen erfahrenen Trainer nicht.

An dieser Stelle fragen Sie sich wahrscheinlich, wie genau Sie denn die Erfahrungen gewinnen sollen, damit Sie sich auch beim Annehmen schwierigerer Fälle wohlfühlen oder was zu tun ist, wenn Sie bis jetzt überhaupt noch gar keine Aggressionsfälle bearbeitet haben. Der beste Weg zu lernen ist es, sich von einem professionellen Trainer beraten zu lassen, der viel Erfahrung mit Aggressionsverhalten hat. Wenn Sie diese Gelegenheit in Ihrer Gegend finden, nichts wie ran! Eins zu eins beraten zu werden ist die beste Lernerfahrung, die Sie machen können. Manche Trainer bieten ein kostenloses Praktikum an (gewöhnlich mit der Voraussetzung, dass Sie vielleicht für ihre Hundeschule arbeiten), während andere eine Gebühr für ihr Trainingsprogramm berechnen. So oder so, wenn Sie unter einem erfahrenen Trainer lernen können, der vernünftige, sanfte Trainingsmethoden anwendet, ist das ein gutes Geschäft und eine gute Investition in Ihre Laufbahn.

Ich kenne zwar keine Schule, die sich ausschließlich auf die praktische Arbeit mit Aggressionsproblemen spezialisiert, aber es gibt einige Ausbildungsstellen für Trainer, deren Lehrplan die Thematik der Aggression beinhaltet. An der Westküste der USA sind die Marine Humane Society und die SPCA in San Francisco beide eine gute Wahl. Die Kontaktdaten dieser und weiterer Schulen und Akademien können Sie im Anhang unter Ressourcen nachschauen.

Wenn Sie keine Beratungs- oder Schulungsmöglichkeit in Ihrer Gegend finden, können Sie trotzdem eine Menge beim Lesen von Büchern und der Teilnahme an Seminaren lernen, an einem Fernstudium per Internet oder Telekursen (Seminare, die am Telefon geleitet werden). Das Companion Animal Science Institute, gegründet von James O'Heare, bietet eine ausgezeichnete Online-Lernmöglichkeit. Die Kurse sind in wissenschaftlicher Theorie wohlbegründet und konzentrieren sich auf Lerntheorie und Trainingsprobleme. Dort gibt es auch einen Kurs, der speziell auf hündisches Aggressionsverhalten ausgerichtet ist. In den USA bietet »Raising Canines« Telekurse zu verschiedenen Themen inklusive Aggression an (nähere Informationen zu beiden Organisationen finden Sie unter Ressourcen).

Die amerikanische »Association of Pet Dog Trainers«, gewöhnlich bezeichnet als APDT, ist offen für professionelle Trainer und ebenso für Hundeliebhaber. Diese Mitgliedschaftsorganisation fördert hundefreundliche Trainingsmethoden und regt eine Vernetzung durch eine Online-Diskussionsliste an. Viele erfahrene Trainer nehmen teil und Sie können Ihre Fragen von denen beantwortet bekommen, die da sind und das gemacht haben. Die alljährlichen APDT-Konferenzen, abgehalten in verschiedenen Städten in den USA, bieten einige der Top-Namen im Hundetraining und Verhalten. Die Seminarthemen reichen von Grundinformationen über Lerntheorie für neue Trainer bis hin zu topaktueller Verhaltenswissenschaft. Die Angebote beinhalten immer mindestens ein oder zwei ausgezeichnete aggressionsbezogene Vorführungen. Ferner gibt es auch praktische Arbeit und Demonstrationen und die Fachmesse stellt neue Produkte und Trainingszubehör vor. Tonaufzeichnungen der Konferenzen, angefangen von 2002, sind durch Netsymposium erhältlich (siehe Ressourcen).

(Anmerkung des deutschen Verlages: In Deutschland gibt es seit 2009 eine mit einer staatlichen Prüfung abschließende Ausbildung zum Hundetrainer, die auch den Teilbereich Problemverhalten mit einschließt. Der Abschluss heißt »Hundefachwirt IHK«, nähere Informationen zu dieser Ausbildung und Seminare (auch zu Aggressionsverhalten) gibt es beim BHV e.V. (Berufsverband der Hundeerzieher/innen und Verhaltensberater/innen), Adresse unter Ressourcen. Des Weiteren empfehlen sich Praktika bei verhaltenstherapeutischen Tierärzten. Manche Tierärzte nehmen für solche Praktika eine Gebühr, andere lassen sich kostenfrei über die Schulter schauen – da hilft nur Nachfragen im Einzelfall. Eine weitere gute Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln, bietet sich in Tierheimen mit fachkundiger Leitung und Betreuung. Hier ist man oft dankbar über Praktikanten als zusätzliche Helfer.)

Eine großartige Möglichkeit Seminare auszuprobieren, die geografisch oder finanziell außerhalb Ihrer Reichweite liegen, ist es, diese auf DVD anzuschauen. Tawzer Dog Videos hat einen großen Bestand an ausgezeichneten Seminar-DVDs (englischsprachig) mit Aggressionsthemen. Dort wird eine große Auswahl von Präsentationen zum Hundeverhalten von einigen führenden Experten der Welt angeboten. Ich kann gar nicht genug Gutes über diese Firma sagen und habe über die Jahre viele ihrer DVDs selbst bestellt. Empfehlungen für spezielle Titel beinhalten die Ressourcen.